Mathe + Ritalin = 2-

Dienstag stand ein Mathetest an zum Thema Kurvenscharen und Flächenberechnung. Funktionen und Integralrechnung, was für ein Scheiß. Ich komm sonst nicht klar mit den ganzen Schritten oder Methoden die Anzuwenden sind und vergesse, was man machen muss um weiter zu kommen. Nicht so mit Ritalin. Den Test habe ich ohne Reibach durchgerechnet und war kurz nach Lennox fertig, der vollen Durchblick hat. Mir war schon etwas mulmig, denn immer wenn es so läuft, kann was nicht stimmen. Aber Ritalin verleiht auch mir, der absoluten Matheniete, den Durchblick.

Ein erfolgreiches Testergebnis, was mir ein Grinsen geschenkt hat. Das hebt die Schulmotivation und die Grundstimmung. Die Schule ist somit wieder etwas erträglicher und weniger aussichtslos gestaltet.

Das ist nun mal der Vorteil vom Ritalin, dass meine Gedankenstränge geordnet sind. So behalte ich einfach den Überblick. 

Tage wie diese, …

… häufen sich in letzter Zeit! Der Frust wächst immer weiter und die schlechte Laune zu umgehen, wird auch immer schwerer. Tag täglich werde ich mit Dingen konfrontiert, die mir gegen den Strich gehen und ich schaffe es immer weniger mich davon zu distanzieren. Seitdem mein Leben nicht mehr durch Sid belastet wird, habe ich mir ein Motto kreiert, was auch eine Zielsetzung ist. Ich nenne es: finde deinen Buddha. Das sage ich mir innerlich, sobald ich merke, dass meine Impulsivität ansteigt. Dieser Satz erinnert mich an die Achtsamkeit, die mir durchaus vertraut ist, dennoch nicht immer da ist. Es braucht seine Zeit permanent bewusst zu sein und Gefühle als Teil seiner Existenz zu akzeptieren. 

Gestern erst war einer dieser Tage, an denen es so scheint, als stünden alle Faktoren gegen mich. Hinzu kommt das ADHS, was von Haus aus Selbstmotivation und Stimmungsstabilität beeinträchtigt. Mein Donnerstag fing eigentlich ganz gut an. Der Vormittag auf Arbeit war entspannt, obwohl ich mit der blöden Rentnerin zusammen Dienst hatte, die der Meinug war mich anbrüllen zu müssen. Boar, die hat Kontra gekriegt, zumal ihre überzogene Reaktion auf fehlerhaften Tatsachen basierte. Mir egal, meine Ignoranz funktionierte einwandfrei. Später chillte ich mit Stuart, der wieder mal einen seiner Fehlaktionen aufs ADHS schob, was in mir der Tropfen war, der das Fass zum Überlaufen brachte. Das war echt zu viel, denn er rechtfertig ständig alles was nicht ganz glatt läuft mit ADHS und dann hat er noch diese permanente Kann-ich-nicht-Einstellung. Er merkt vielleicht nicht in welchem Ausmaß ich Rücksicht auf ihn nehme, nicht weil er es verlangt, sondern weil es meinem Wesen liegt. Durch die Beziehung mit Sid ist mir bewusst geworden, dass ich auf Dauer zu rücksichtsvoll bin und dabei vergesse auf mich zu achten. Diese Erkenntnis hat mich reifen lassen und somit habe ich mehr Sensibilität für meine eigene mentale Belastung entwickelt. Was Stuart angeht bewege ich mich im grenzwärtigen Bereich und fühle mich stellenweise emotional ausgenutzt. Genau begründen kann ich das noch nicht, aber es liegt an meiner Wertevorstellung. Ich kann übersteigerte Selbstüberzeugung nicht leiden, insbesondere nicht, wenn es um fehlerhafte Informationen oder Thesen geht. Das ist in meinen Augen eine Form von Arroganz, die enorme Abneigung in mir hervorruft. Dann diese Kann-ich-nicht-Einstellung, die von Faulheit und Beschränktheit zeugt. Zudem ist er ein Mensch, der denkt die Welt dreht sich um ihn. Keine Anzeichen von Selbstlosigkeit und die Empathie zeugt auch nicht gerade von Größe. Auf Dauer kann ich sowas nicht ertragen.

Mein Nachmittagsgemüt wurde gezeichnet von Gleichgültigkeit, Trübsal und Demotivation. In der Schule erwartete mich der nächste Schlag in meinem Face. Noch vor der ersten Stunde begegnete ich Frau Hannemann auf dem Flur, die auf mich zu kam, um mir zu gratulieren. Im Sekundenbruchteil merkte ich meine zornige Mimik pulsieren, also sagte ich nur, dasss nicht ich, sondern Lennox Geburtstag hat. Sie drehte sich zu ihm und ich zog ab. Überraschenderweise war Englisch ganz gechillt, Deutsch hingegen umso ätzender. Vor Stundenbeginn gab Frau Hannemann mir meinen Test zurück, den die anderen schon am Dienstag bekamen, als ich bei der Klassensprecherversammlung war. Schon am Mittwoch teilte Lennox mir mit, dass ich eine fünf für den fucking Gedichtvergleich kassiert habe. Naja, … is‘ mir egal. Im weiteren Stundenverlauf sollten wir wieder einen Vergleich schreiben. Heyms „Berlin II“ mit Zechs „Zwei Wupperstädte“. Es handelt sich um Sonetten, verfasst von lahmen Dichtern und echt nicht ansprechend, dabei mag ich den Expressionismus sehr, besonders Trakel und Kafka. Auf jeden Fall fragte ich vorher, ob wir Formmerkmale und Inhalt vergleichen sollen. Dem stimmte sie zu, also holte ich meine Anleitung raus und fing an. Nach Lennox musste ich vorlesen und hab natürlich nichts richtig gemacht, was mir dann auch so richtig reingewürgt wurde, weil ich meine Fehlzeit nicht aufgearbeitet habe. Nach mir war denn Emil dran, der nach zwei-Drittel seiner Aufzeichnung wurde er unterbrochen, um meine Wenigkeit ausgiebig darauf hinzuweisen, dass ich nichts auf die Reihe gekriegt habe. 

Bevor ich dann nach Hause ging, wollte Sie mir noch ein Blümchen geben, das Sie mir mit einem Lächeln überreichte. Anschließend bekam ich die nächste Standpauke von ihr, wobei sie jedes meiner Widerworte unter Tisch meckerte. Ade, letzter Rest der Schulmotivation.

Schulbezogenes Motivationstief

Was die Schule angeht, habe ich absolut keine Lust. Es ist einfach nur öde und ich hab kein Bock mehr. Das liegt unter Anderem daran, dass ich in Mathe keine Hoffnung mehr schöpfen kann. Diese ganze gequirlte Kacke steht mir bis zum Hals. Außerdem kann ich mich kaum mehr für die Schule motivieren. Es ist mir egal, ob ich die 13.te schaffe oder nicht. Wenn nicht, habe ich immer noch das Fachabi im Petto. Mich stresst es schon allein dort aufzukreuzen. Alles im Allem fühle ich mich so schön depressiv ohne ein genauen Grund. Am liebsten würde ich den Mist einfach hinschmeißen. Ich hab noch nicht mal Lust mich irgendwo zu bewerben, viel lieber würde ich ein Jahr blau machen wollen, um erstmal besser mit mir selbst klar zu kommen. 

Freude, komm zurück zu mir

Wo ist nur meine Freude hin? Da frage ich mich, ob es an dem erschöpften Zustand liegt, oder ist es mir auch einfach nur egal? Auf dem Heimweg, lief ich mit Polly an der Havel entlang und es war so angenehm ruhig und friedlich, ideal abgerundet durch die kühle Temperatur. Ein perfekter Moment, indem ich das Durchatmen vollends genossen habe. Es war keine Menschenseele in Sichtweite und die Dunkelheit umhüllte mich mit ihrer Geborgenheit. Mir ist dann meine nicht vorhandene Freude durch den Kopf gegangen. Ich fühlte mich leer, als hätten mich die positiven Emotionen verlassen. Dann musste ich mich an den Moment erinnern, als ich mich auf das kommende Weihnachtsfest freute. Die Emotionen sprudelten nur so heraus, ich grinste und sehnte mich schon danach mit meinen Schwestern die Couch zu besetzen, neben uns die Großeltern und weiter hinten am Tisch auch alle anderen. Plötzlich überkam mich der Weihnachtszauber und Vorfreude wurde geboren.

Seit Jahren habe ich diesen Zauber nicht gespürt, weil ich eher angepisst von Weihnachten war. Während meiner Ausbildung wurden meine Empfänger dafür verstümmelt. Das erste Weihnachtsfest in einer blasierten Ösi-Berghütte, prügelte den ostdeutschen Lehring mit Schlagring und Stahlkappen. Ich steckte die Schläge weg und tat so, als wäre nichts weiter. Das zweite Weihnachtsfest im 5*-Nobelhotel, trat auf mich ein und schmiss mich immer wieder zu Boden. Die Narben wurden wieder zu Wunden und wieder musste ich da einfach durch, schließlich musste ich der überaus hochnäsigen Gesellschaft in den Arsch kriechen, um riechen zu können, wie sehr Geld stinkt. Hinter den Kulissen erwartete man mich auch oft, um mich als Aggresionskompensation zu nutzen. Das dritte Weihnachtsfest entflammte vor mir, wie eine Feuerwand und ich, als ostdeutscher Lehrling, ging einfach durch. Verstümmelung vollständig! 

Bis vor fünf Wochen haben mich diese Weihnachtserlebnisse geprägt und erinnerten mich stets an das Leid, die Einsamkeit, Schutzlosigkeit und Dreckfresserei zwischen den Schluchtenscheißern. Umso mehr Sterne ein Hotel hat, desto beschissener, rassistischer und eingebildeter sind die Kollegen. Darüber kann meine Erfahrung eine Statistik erstellen. Wie auch immer, endlich bin ich diesem Fluch entkommen, die Narben sind wie wegradiert und Weihnachten verzauberte mich wieder. 

Mit der letzten Novemberwoche, kam die stresslastige Zeit. Lange Tage, vermehrte Termine, die Trennung von Sid, Unmengen an Schulkram und anderes Zeugs. Ich kam kaum zur Ruhe und Polly kam viel zu kurz. Es war anstrengend jeden Tag zur Frühschicht zu gehen und abends so spät erst Schulschluss zu haben. Nach ungefähr zwei Wochen war ich schon ordentlich gerädert, die Kopfschmerzen verschwanden nicht, meine Energie rinn mir wie Sand durch die Finger und mit ihr auch der Weihnachtszauber. Die Vorfreude schlich sich unbemerkt davon und kam nicht rechtzeitig zurück. Es betrübt mich sehr, dass ich die Zeit mit meiner Familie nicht fröhlicher verbracht habe. Dabei gab es keinen Grund in irgendeiner Weise schlecht gelaunt zu sein. Fehlt mir etwa nur die Energie oder fehlt mir wohlmöglich was anderes?

Wenn es zu schön ist, um wahr zu sein …

… dann kommt doch prompt wer daher und stellt dir ein Bein! Und weil ich noch so müde war, stolperte ich mir Schmackes auf mein Smilyface. Nachdem ich mich Freitagfrüh schwermütig aus dem Bett bewegt habe, ging ich mit Polly runter und der Mond wünschte mir einen guten Morgen. In meinem Gesicht formte sich ein Lächeln, denn ich freute mich auf das lang ersehnte und schon fast erreichte Ende des Tunnelblicks. Durch mein Kopf schossen Gedanken wie „nur noch drei Stunden arbeiten und morgen wird kein Wecker klingeln“ oder „unfuckingfassbar, wie geil, endlich wieder mehr Zeit für mein Pollypoop“. 

Nach der Hunderunde entdeckte ich auf meinen Handydisplay einen verpassten Anruf von der Arbeit. Warum ruft er mich so früh an? Eine halbe -/dreiviertel Stunde später, wäre ich eh da gewesen. Mit einer grimmigen Mimik zwang ich mich dazu zurückzurufen, auch wenn mir das gar nicht in meinen herrlichen Morgen passte, denn wenn Cheffchen zu Hörer greift, dann brauch er jemand der einspringt. Ein tiefer Atemzug, ein aufgesetztes Lächeln und anrufen. Wie ich bereits vermutete, fragte er mich ob ich Sonntag einspringen könnte. Zumindest habe ich dieses Mal erst nach der Zeit gefragt, bevor ich wieder blindlings Zusage. Beim letzten Mal sagte ich einfach zu, weil ich nun mal ein positives Bild auf Arbeit abgeben möchte .. und dann sagte er mir, dass ich dann von 7:30-10:30 Uhr Dienst habe. Voll in die Fresse, und wieder mit ordentlich Schmackes! Das Geld interessiert mich dabei weniger, aber da im Januar der Umzug ansteht, sollte ich soviel Geld scheffeln, wie möglich. Da genieße ich doch lieber meine Zeit mit Polly und führe ein bescheidenes Leben, als dass ich für irgendwen Überstunden schrubben gehe. Geld stinkt ganz schön und verbreitet überall die Seuche. Wenn Polly ihren Lebensabend erreicht, will ich es nicht bereuen, zu wenig Zeit mit ihr gehabt zu haben. 

Nun muss ich Sonntagabend für fünf Stunden arbeiten. Cheffchen wollte mich erst von 14-23 Uhr mit einstündiger Pause dazwischen einteilen, aber nee. Ich hab nur eine Schicht genommen und selbst die kotzt mich jetzt an. Dann werde ich mich heute Abend eben dort hin schleppen und hoffen, dass ich nicht auch noch am Mittwochmorgen eingeteilt werde, denn da fällt jemand für die 7:30 Uhr-Schicht aus. Da hat man sich mal zehn Minuten zu früh gefreut…

Gestern fand ich in meiner Notizapp ein paar lyrischen Werke, Gedichte, die ich vor zwei-/drei Jahre schrieb. In der elften Klasse behandelten wir Fabeln und anschließend Gedichte im Deutschunterricht. Mir haben idyllische Formulierungen schon lange gefallen, schon damals auf der Realschule. In diesen vier Jahren gab es nur wenige Momente, in denen ich gerne in der Schule war. Die meiste Zeit wurde ich gemobbt und fühlte mich unwohl. Wenn wir vor einem Raum warteten, hörte ich immer das absichtlich-laute Getuschel mit anschließendem Gelächter. In den fünf-Minuten-Pausen blieb ich immer möglichst unauffällig auf meinem Platz sitzen, wenn wir den Raum nicht wechseln mussten. Mir war es egal, dass ich gelegentlich ein Papieknöll oder eine Alufoliekugel abbekam, aber die Lästerei, dummen Geräusche und Beleidigungen waren schon ganz schön hart. Zum Glück konnte ich meine Tränen verstecken, sonst wäre ich nur ein noch größeres Opfer gewesen. Alles Fotzen! Meiner Mutter ging das am Arsch vorbei, zu Hause war sie auch fast nie und bei Elterngespräche war sie auch ein äußerst seltener Gast. Bis auf eine Ausnahme, hab ich ihr immer früh genug Bescheid gesagt. Wenn sie nicht da war, kassierte ich am nächsten Tag die Abreibung. Meine kratzbürstige Klassenlehrerin Frau Canewitz stellte mich dann immer vor der ganzen Klasse zur Steinugung aus. Sie meckerte mich vor allen voll und regte sich dabei immer viel zu sehr auf. Ich wollte nur im Boden versinken. In der neunten Klasse wurde es schlimmer und ich entschloss mich mit meiner Opferrolle zu der Canewitz zu gehen. Beim Reden musste ich mich zusammenreißen, denn mir ging es kacke, in meinem Hals steckte ein klebriger Kloß und Selbstbewusstsein hatte ich auch nicht. Es war schon schwer genug zu ihr, Miss Gefrierpunkt, zu gehen und nachdem ich kurz meine abgefuckte Lage schilderte, fragte sie vollends empört: „ja und was soll ich da jetzt machen?“ Das hat mir echt den Rest gegeben. Der Kloß schwoll an und der Druck auf meinen Augen wurde stärker. Ich bedankte mich für nicht und sagte ihr, dass ich nach Hause gehe, weil ich nicht mehr kann. Augenblicklich drehte ich mich um und verschwand. Mit tief gesenktem Kopf verließ ich das Schulgelände im Eilschritt. Was das nicht für eine herzlose Fotzenfresse ist! Diese blöde Erinnerung kreuzt hin und wieder meinen Weg. Einmal sah ich das Mistvieh in der Stadt, aber etwas zu spät, denn es steht noch Rache auf meiner To-Do Liste. Wenn ich sie das nächste Mal sehe, dann hoffentlich nicht auf Arbeit, denn ich will ihr einfach nur ins Gesicht rotzen, aber mit SCHMACKES! Das muss scheppern, denn so schäbig wie sie mich behandelt hat, verdient sie meine Verbalitäten nicht. Das ist weder die Zeit, noch die Energie wert. Umso früher ihre Wege meine kreuzen, desto eher werde ich von dieser wartenden Wut erlöst.

Die Canewitz war auch zugleich meine LER- und Deutschlehrerin. Damals mussten wir auch eine Gedicht lernen. Zur Auswahl stand der Zauberlehring und der Erlenkönig. Ich wählte zweiteres und beim Lernen keimte der Samen einer neuen Vorliebe, etwas, was meine Aufmerksamkeit erregte. Somit gab es zumindest ein paar Momente mehr, in denen ich gerne in der Schule war. Als ich gestern mein kurzes Gedicht „Zur Stunde“ las, musste ich wieder an diesen Moment denken, als die Canewitz mich eiskalt im Regen stehen ließ. Das schrieb ich vor knapp drei Jahren, noch bevor ich Sid kennenlernte:

Schau mal dort, das Gossenkind läuft fort!

Sieh doch her, das Elfenkind schlendert umher!

Im Schatten geborgen, versteckt der Junge seine Sorgen.
Im Schein der Sonne, lockt dem Mädchen die Wonne.
Normalerweise bin ich nicht so wortkarg, aber bei diesen spezifischen Zeilen, wollte ich keine Gefühle verstecken. Es soll das eisig-kalte Herz der Canewitz symbolisieren und zeigen, wie herablassend, gar angewidert sie mich ansah.