Neues Glück

Noch vor kurzer Zeit dachte ich, dass meine Lebensfreude flöten geht. Es war schon so, dass ich mich mit meiner Laune über Wasser halte, zumindest hat es sich so angefühlt. Ich musste mich täglich an die schönen Dinge im Leben erinnern, um den Mut nicht zu verlieren. Die Schule ging zu Ende und bis jetzt habe ich nichts Neues, was ich eigentlich schon hatte, doch mir wurden in letzter Minute Steine in den Weg gelegt, wegen denen ich zu Boden ging. Nachdem ich mal wieder geschmeckt habe, wie der Dreck auf dem Boden der Tatsachen schmeckt, bin ich einfach wieder aufgestanden, denn Aufgeben ist keine Option, ich werde nicht noch einmal aufgeben. Ohne Buddha hätte ich nicht genug Kraft. Er ist eine konstante Leitschnur in meinem Leben geworden und ich bin froh, dass ich mich mit dieser traditionellen Denkphilosophie angefreundet habe.

Die Zeit des Durchhaltens hat nun ein Ende, denn ich habe eine neue Freundin. Sie heißt Elena, aber ich nenn‘ Sie Elli. Wir verstehen uns super und kommen fantastisch miteinander aus. Es ist schöner als eine Traum, denn es ist wirklich wahr. Die letzte wirkliche Freundin hatte ich vor einer gefühlten Ewigkeit. Wenn ich bei ihr bin, habe ich nicht einmal panisch wenn mein Grasvorrat erschöpft ist und könnte ich neben ihr einschlafen, bräuchte ich es nicht einmal dafür. In ihren Armen zu liegen muss unfassbar schön sein, doch davon kann ich nur träumen, denn sie lebt in einer Beziehung und ich respektiere ihre Liebe. Schließlich mag ich Elli sehr und mir ist es wichtig, dass sie glücklich ist. Dank meiner buddhistischen Orientierung kann ich nun prima mit meinen Gefühlen umgehen, was mich vor deprimierendem Kopfkino bewahrt. Außerdem kann ich auch mein ADHS lenken und dann habe ich noch das Weed, was mir eine gewisse Ruhe verleiht. Ritalin habe ich auch noch, aber ich ziehe Gras vor, aber darum geht es jetzt nicht. Worum sich meine Welt gerade dreht ist Elli und ich Einwände jede Minute, die ich mit ihr verbringen kann. Wir können viel lachen und ich fühle mich einfach wohl und gut aufgehoben. Es ist ähnlich wie bei Frau Hegersdorf, auch wenn sie und Elli sich unterscheiden. Aber bei Elli fühle ich dieselbe Geborgenheit und Warmherzigkeit, wie bei meiner Psychologin. Beide sind für mich sehr besondere Personen, die mir am Herzen liegen. Es gibt nicht viele Menschen, von denen ich wirklich was halte, geschweige denn, die mich interessieren. Aber diejenigen, die mein Herz erobert haben, haben meine Loyalität und Fürsorge. Für Elli würde ich jeden noch so großen Stein beiseite räumen, so schwer er auch sein mag. Sie glücklich zu sehen, potenziert mein Glück und wenn ich sie zum Lächeln bringen kann, ist es als würde die Wärme Morgensonne mich inmitten von Eisbergen küssen.

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Die Ritalinfrage

Es sind jetzt schon ein paar Wochen vergangen, in denen ich überlege mir Ritalin verschreiben zu lassen. Vor knapp zwei Jahren wurde ich in der Klinik auf Medikinet eingestellt und jetzt hatte ich die Möglichkeit Ritalin zu testen. Es wirkt sehr ähnlich, dennoch ziehe ich Ritalin vor, denn wenn die Wirkung von Medikinet abklingt, bin ich völlig erschöpft und könnte auf der Stelle einschlafen. Das ist bei Ritalin nicht so krass.

Mitte Januar hatte ich einen Termin bei Frau Hegersdorf und habe unter Anderem auch darüber mit ihr geredet. Sie ist Psychologin und darf nichts verschreiben, allerdings hat sie mir eine Telefonnummer eines Psychiaters, der gleichzeitig auch Oberarzt in der Klinik ist gegeben. Bei den Herren habe ich mir bereits einen Termin geholt und jetzt habe ich ein Valentinsdate, hehe. Bisher habe ich nur Gutes von ihm gehört, … naja, auch nur von Stuart und Frau Hegersdorf. Übrigens war das letzte Treffen mit ihr wundervoll. Es ist toll wieder zu ihr gehen zu können, wenn auch nur selten. Sie gab mir die Aufgabe eine Pro-/Kontraliste zum Ritalin anzufertigen, um für den Termin bei Herrn Dr. Nolle vorbereitet zu sein. Ich hab mich also ran gemacht und das gröbste zusammen zu tragen. Auf der Proseite stehen acht Stichpunkte und auf der Kontraseite nicht mal halb so viel. Die Fakten sprechen also für die Medikation, mein Gefühl jedoch dagegen. Bislang konnte ich nicht wirklich herausfinden, was genau es ist, dass mich Zweifel lässt. Es ist einfach ein mulmiges Gefühl. Ich werte das mal grob aus:

Pro-Ritalin

Die Wirkung erinnert mich sehr an  die von Sternschnuppenstaub und als ich bei meiner Biolehrerin mal nachfragte, warum der Appetit auf Ritalin da ist und bei Pep nicht, sagte sie mir, dass es an der Dosierung liegt. Beides zählt zu den Weckaminen, aber Ritalin, um genauer zu sein Methylphenidat gehört nicht zu Amphetamin, ähnelt dem nur sehr. Nach der Einnahme von einer 30 mg Hartkapsel Ritalin fühle ich mich wie nach einer Bahn, bloß besser. Meine Konzentration ist geordnet und ich kann mich ablenkungsfrei auf etwas fixieren. Zudem kehrt ein innerlicher Frieden ein, als wäre das Chaos, das Durcheinander aufgeräumt. Außerdem habe ich einen stabilen Gemütszustand, also eine einwandfreie Selbstbeherrschung. Ich verfalle weder nicht Mecker- bzw. ätzenden Gedankenschleifen, noch rege ich mich ständig über Firlefanz auf. Dazu kommt, dass ich Tatendrang verspüre und anpacke, aufräume oder sonst was erledige. Meine Motivation ist eben gesteigert und meine Matheverständnis ebenfalls. Unglaublich aber wahr: gedopt macht Mathe plötzlich einen Sinn und ich kann die Logik dahinter erkennen. Das sind schon viele gute Dinge, die mir das alltägliche Leben enorm erleichtern, aber die drei besten Punkte habe ich noch gar nicht erwähnt. Zum Einen wäre da der verstummte Suchtdruck. Auf Drogen hab ich gar kein Bock, kein Verlangen. Nur aus Gewohnheit will ich noch mein Joint rauchen, aber ohne geht auch. Weiterhin normalisiert das Ritalin mein Essverhalten. Seit Jahren hatte ich nicht mehr so ein gesunden und auch spezifischen Appetit. Auf einmal habe ich wieder Hunger auf dies und das und spüre es auch, anstatt nur eine Art Druck in der Bauchgegend. Und der krönende Abschluss: keine Schwierigkeiten beim Einschlafen. Wenn ich über den Tag verteilt zwei 30 mg Kapseln einnehme, bin ich abends ermüdet, auch geistig, somit verfange ich mich nicht stundenlang in Gedankenschleifen und kann den Schlaf ein Stück weit kontrollieren und einleiten, auch ohne mein geliebtes Gras. Heute wundert es mich nicht mehr, dass keinerlei Schlaftabletten je geholfen haben. Im Großen und Ganzen fühle ich mich besser mit Ritalin und auch sicherer, denn ich kann einfach durchatmen bevor ich ausraste, wodurch ich weniger eine Gefahr für mich und meine Mitmenschen bin.

Kontra-Ritalin

Sonnenschein bringt auch Schatten mit sich. Angefangen beim Suchtdruck: mein Verlangen nach Drogenkonsum ist zwar weg, dafür habe ich mehr Schmacht nach Zigaretten. Wenn ich kiffe, rauche ich nur in der Schule und auf Arbeit, gelegentlich auch in Gegenwart der Familie. In der Schule ist es jedoch eher die Gewohnheit, wie auch auf Arbeit. Ich rauche mit Ritalin nicht sehr viel mehr, aber mir gefällt die gesteigerte Nikotinlust nicht, denn auch wenn es positive Auswirkung auf den Geist hat, hat es auch negative auf den Körper, man betrachte nur mal die Ekelbilder auf den Tabakwaren, die ich immer mit Sticker abklebe. Etwas was ebenfalls unerfreulich ist, ist dass meine Empathie gedämpft ist. Ich kann weniger erkennen wie mein Gegenüber drauf ist, wie er sich fühlt, was mich verunsichert. Wenn sich jemand beschissen fühlt, will ich nicht unbedingt taktlos sein, sondern einfühlsam. Meine natürlich gegebenen Fähigkeiten sind aber nicht nur in der Emotionsabteilung eingeschränkt, auch mein Gedächtnis ist davon betroffen. Die themenspezifische Fokussierung ist zwar ein Propunkt, jedoch wirft dieser einen für mich bedenklichen Schatten. Im nüchternen Zustand verfüge ich über uneingeschränkten Zugriff meiner geistigen Leistungsfähigkeit, das heißt: mir ist bewusst was in meine Umfeld passiert, als würde ich es scannen. Wenn es mir schlecht geht, kann das schief gehen und es kommt zu einer Reizüberflutung. Die zerrt dann an mir und ich brauche erstmal Ruhe, Abschottung. Ritalin bewahrt mich davor, beschränkt mein Blick aufs Wesentliche, blockiert allerdings auch ungefragte Gedankenstränke. Ein Beispiel: angenommen ich sitze im Deutschunterricht und wir müssen mal wieder irgendein Gedicht zerfleischen. Unter Ritalin bin ich dann gedanklich bei der Gedichtinterpretation, mir fehlt aber der Zugriff auf geschichtliche Fakten, die für den Background notwendig sind. Ohne Ritalin sind diese Daten jederzeit present, dafür bin ich jedoch ablenkbar und schweife manchmal in Gedanken ab. Beim Abschweifen dringt auch nicht mehr Frau Hannemanns Geschwafel durch und dann stehe ich da. Es ist kompliziert das genau zu erklären, weil ich mit autodidaktischen Forschung noch am Anfang stehe. Das habe ich auch Frau Hegersdorf erklärt und sie war gleich ganz aufmerksam. Dazu habe ich ihr etwas skizziert, das die Ordnung meiner Gedankenstränge darstellen soll.

Hier die Gedankenstränge mit Ritalin: geordnet und einzeln. Die grünen Pfeile stellen das Ritalin dar, was auch eine Art Mauer zwischen den einzelnen Strängen bildet.


Und hier der nüchterne Zustand: chaotischen und vereint. Zugriff auf alle Stränge gleichzeitig möglich, jedoch mit Ablenkung verbunden.

Vielleicht kann ich es bald besser erklären und ich bin schon gespannt auf meinen Termin bei Dr. Nolle. Auch wenn Pro-Ritalin überwiegt, habe ich noch Zweifel. Auch wenn meine geistige Leistungsfähigkeit besser ist, ist sie doch eingeschränkt. Ausdauer und Fokus versus universellen Zugriff. Ich weiß nicht so recht, was soll ich tun? Frau Hegersdorf steht dem ebenso skeptisch gegenüber und momentan hat sie mehr Bedenken was die Ritalinmedikation bei Cannabis- und Amphetaminkonsumenten angeht, da sie gerade einen Patienten mit eher schlechten Erfahrungen hat. Mehr hat sie dazu nicht gesagt, schließlich herrscht Schweigepflicht. Mal sehen was mein Termin am Valentinstag bringt.

Pseudoabklatsch

Meine Grundstimmung war in den letzten Tag gleichgültig, Motivation gleich null. Freitag Samstag habe ich gezogen, also ist die Stimmung am Sonntag gerechtfertigt, aufgrund von Abklatschsymptomatik. Montag war ich durch mit dem Durchsein, aber es hat sich nicht so angefühlt. Es ist so, als hätte ich ein Pseudoabklatsch. Ich hänge durch und will mich nur in meiner Decke einkuscheln. Morgen Vormittag muss ich arbeiten und danach zur alten Wohnung, um mit dem Nachmieter Absprache zu halten. Nachmittags ist dann wieder Schule, wo ein Mathetest ansteht. Dazwischen sollte ich den Kram für Geschichte nachholen und mir Mathe rein ziehen, Polly darf auch nicht vergessen werden. Es ist ja nicht so, als wäre jetzt wieder jeden Tag so stressreich, aber es sitzt mir einiges im Nacken. Außer auf Arbeit und in der Schule, habe ich mich noch nirgendwo umgemeldet. Mein Internet wird Freitag endlich hier geschalten, aber ich muss noch Strom und Ausweis ummelden, denn noch bei der Krankenkasse und dem Amt für Ausbildungsförderung. Abgesehen von den Ummeldungen, sollte ich allmählich mal Bewerbungen schreiben. Ich hab noch keine neuen Bilder und auch keinen Plan, wo ich mich bewerben soll. Außer die Ausbildung bei der Bahn, fällt mir nichts ein. Das Lehramtstudium kann ich mir mit meinem Schnitt in die Haare schmieren, denn die Uni in Potsdam ist schwer beliebt. Sowieso hab ich die Schule satt, aber das liegt weniger an der Schule, als viel mehr an den Unterrichtszeiten. Am liebsten würde ich augenblicklich schmeißen. Mathe ist einfach nur Brainfuck, Englisch Zeitverschwendung und Deutsch ist der absolute Gipfel der Wixxerei! Geschichte und Bio ist alles was mich interessiert und der Rest zerrt nur. Zum Glück konnte ich mit dem zweiten Halbjahr Physik abwählen, was mich zumindest etwas entlastet. 

Ruhe ist alles was ich will, dabei kann ich mir nicht erklären, wo diese Antistimmung herkommt. Es gibt momentan nichts, was mich runterzieht. Klar sind da Kleinigkeiten, die mich piesacken, aber damit kann ich umgehen. Eigentlich sollte ich eher fröhlich sein, denn ich komme mit meiner persönlichen ADHS-Forschung und Medikationsstudie voran. Erst heute hatte ich einen Termin bei Frau Hegersdorf, der einfach bombastisch war. Dann ist da auch meine neue Bude, die einfach geil ist. Es läuft alles bestens, warum also dieser Pseudoabklatsch? Ich muss meinen Buddha wieder wecken, denn der ist scheinbar eingeschlafen. 

ADHS-Kryptonit: Verlustangst

Vorgestern haben Lennox und ich Pappen ausprobiert. War ganz cool, hat mich etwas an Pilze erinnert, aber hat mich jetzt nicht umgehauen. Sören war auch da, hat uns beaufsichtigt, später kam auch noch Stuart und als alle wieder weg waren, wollte ich schlafen. Ich war auch erschöpft und müde, dennoch konnte ich nicht schlafen. Erst habe ich eine Dokumentation über Äthiopien geschaut und danach noch eine über die Welt im Jahr 500. Danach habe ich die Glotze ausgeschalten und wollte schlafen, doch ich hab mich nur hin- und hergedreht. Es hat sich dann so ergeben, dass Stuart und ich noch über eine Stunde telefoniert haben. Unsere Gesprächsthemen waren bunt gemixt und nebenbei kam auch Frau Hegersdorf zur Sprache. Stuart und ich haben uns vor knapp zwei Jahren in der Klinik kennengelernt. Er kam kurz nach mir auf die Sucht- und Depressionsstation, ergo lernte er auch Frau Hegersdorf kennen.

Nach dem Telefonat kuschelte ich mich wieder unter meine Decke und startete den nächsten Einschlafversuch. Ich lag auf dem Rücken und hörte noch ein paar Lieder mit Kopfhörer, um in mein episches Kopfkino einzutauchen. Bei einem Dramalied schoss Frau Hegersdorf in mein Kopf, plötzlich sah ich sie, die Musik lief weiter, aber ich hörte nicht mehr zu. Mein Körper wurde im Nullkommanichts von einer hauchdünnen Schweißschicht umhüllt, die erst heiß und dann kalt wurde. Gleichzeitig bildete sich ein Phantomkloß in meinem Hals, dass das Atmen erschwert war. Im ersten Moment befürchtete ich ein Nervenkolla oder eine Panikattacke, doch der Zustand verflog schnell wieder. Ausgelöst wurde er durch meine Gedanken, die um Frau Hegersdorf kreisten. Die Ungewissheit darüber, wann ich sie das letzte mal sehe, wann unser letzten Zusammentreffen sein wird oder dass sie plötzlich nicht mehr erreichbar für mich ist, weil sie einen neuen Job findet oder wegzieht, hat mich überwältigt. Meine Verlustangst hat sich gemeldet und Alarm geschlagen. Mit Verlustangst habe ich schon lange zu tun. Ich kann gar nicht zählen, wie viele Abende, Nächte ich in Gedankenschleifen festhing und in Drama über Verluste festhing. Dabei ging es nicht um Personen, mit denen ich im Clinch lag, sondern um die, die mir sehr am Herzen liegen und deren Verlust mich treffen würde. Etliche „was-wäre-wenn-Szenen“ haben sich in meinem Hirn schon abgespielt, unzählige Bilder hab ich mir schon ausgemalt und alle sind tränenbehaftet. Auch Stuart und Lennox haben mir gesagt, dass die Verlustangst eines der schwerliegensten Probleme ist. Damit fertig zu werden oder trauerfrei umzugehen ist hardcore. 

In meinem Augen ist Verlustangst ein Kryptonit von ADHS. Als sich meine psychische Lage somatisch bemerkbar macht und ich schon etwas zitterte, weil mir die Anzeichen und deren Folgen bekannt sind, kam mir etwas in den Sinn. Es hat mich bislang sehr belastet, dass ich höchstwahrscheinlich nicht bei der Beerdigung von Frau Hegersdorf sein werde. Das beunruhigt mich, weil ich eben nicht weiß, ob ich je dazu komme, mich zu verabschieden. Schließlich ist der Tod und die damit verbundene Beisetzung die letzte Möglichkeit einen geliebten Menschen zu verabschieden. Bei der eigentlich starken, aber trotzdem sehr dünnen Verbindung zwischen Frau Hegersdorf und mir, könnte jedes Treffen das letzte sein und wenn ich mich nicht entsprechend verabschieden kann, plagt es mich. Wenn man es akzeptiert, dass man Abschied nehmen muss, kommt man auch mit der Verlustangst klar, ich zumindest. Daher ist meine Angst Frau Hegersdorf zu verlieren noch groß, denn ich weiß nicht, ob ich mich je entsprechend verabschieden kann. Bei Frau Hannemann ist das weniger ein Problem, denn wir stehen uns so nah, wie Mutter und Tochter. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich eines Tages Abschied von ihr nehmen kann und deswegen plagen mich auch keine dramatischen Gedankenschleifen.

Als ich zu dieser Erkenntnis kam, war ich froh. Es fühlt sich wie ein erfolgreicher Fortschritt an, den ich von nun an weiter erforschen kann.

Immer weiter rein in die Misere 

Heute ist Donnerstag und das heißt nichts Gutes für mich. Gestern war Mittwoch und das hieß auch nichts Gutes für mich, weil Dienstag noch beschissener. Montag habe ich die Bioklausur geschrieben und Dienstag stand direkt der Mathetest an. Thema was Gerade und Ebenen, rechnen mit Vektoren und so ein ganzen Scheiß. Ich hatte keine Zeit mir irgendwas für Mathe anzugucken und ich sehe auch kaum durch. Ständig vergesse ich die Rechenwege und weiß nicht was ich wo anwenden muss. Mit meiner kaputten Konzentration geht in Mathe gar nichts mehr. Gestern haben wir den Test zurück gekriegt und ich hab eine 5- geschrieben. Superduper! Während des Test saß ich mit Kopfweh übern Tafelwerk und habe verzweifelt nach irgendetwas gesucht, was mir weiter hilft. Zumindest haben wir den Test nochmal durchgerechnet und ich denke das hat was gebracht. Immerhin schreiben wir nächste Woche schon die Klausur, glücklicherweise die letzte für dieses Halbjahr und Kalenderjahr. 

Gestern musste ich außerdem noch mein Geschichtsvortrag über die Gleichstellung im Dritten Reich und das schriftliche Referat über die Außenpolitik der Weimarer Republik abgegeben. Das war ein Haufen Arbeit. Die Note fürs Vortragen kriege ich nächste Stunde erst, zumindest habe ich ein gutes Gefühl was den Vortrag angeht. Aber was den heutigen Schultag angeht, würde ich am liebsten einfach im Boden versinken. Letzten Donnerstag habe ich mich bis Sonntag krankschreiben lassen, weil ich sonst kaputt gegangen werden. Ich konnte nicht arbeiten gehe, die Zeit bräuchte ich für die Schule. Dafür muss ich heute die Physikklausur nachschreiben, wofür ich heute Nacht gepaukt habe. Das kotzt mich maßlos an. Um 14 Uhr muss ich schon in der Schule sein, dann schreibe ich die Klausur und anschließend habe ich noch sechs unfuckingfassbare Stunden und drei davon sind auch noch Physik. Die Englischhausaufgaben muss ich auch noch machen, fuck ey. Oh man, da fällt mir ein, dass ich noch nicht mal weiter vom Physikfiasko erzählt habe… Mein Kopf ist wie ein Sieb: fast alles sickert durch, außer die klumpigen Kotzbrocken. 

Wann hat das endlich ein Ende? Ich meine, ich bin am Ende und, dass ich heute durchgemacht habe, werde ich im Laufe des Tages noch zu spüren kriegen. Frau Hegersdorf hat gesagt ich soll Abstriche machen wo es nur geht und Frau Hannemann hat gestern dasselbe gesagt. Die beiden haben auch gesagt, dass ich das Abi nicht abbrechen soll, was ich eigentlich auch nicht will, aber die aktuelle Situation sieht nun mal beschissen aus. Keine Ahnung ob ich es überhaupt schaffe zu bestehen. Eigentlich scheitert es nur am Mathe-Leistungskurs, in den anderen Fächern sind die Noten ok. 

Wenn ich mit Polly spazieren gehe, dann sehe ich sie voller Lebenslust und Energie über die Wiese rennen, wie sie Stöcker findet oder in den Büschen und den Mäusen unterm Efeu nachjagt. Damit zaubert Sie mir jedes Mal wieder ein Lächeln ins Gesicht und für kurze Zeit ist alles vergessen, alles was auf meinen Schultern lastet und alles was mir noch aufgelastet wird in nächster Zeit. Alles stresst mich und dabei will ich einfach nur mal wieder durchatmen ohne Druck etwas nicht auf die Reihe zu kriegen. Als ich gestern kurz mit Frau Hannemann gequatscht habe, da wäre ich am liebsten in ihre Arme gefallen oder besser noch, in die von Frau Hegersdorf, um mal für einen Moment Pause zu machen.

Momentan kann ich nur klagen und jammern, mir selbst auf den Keks gehen und mir die letzten Nerven rauben lassen. Ich fühl mich wie ein Zombie, eine Untote, die sich mühsam durch die Gegend schleppt. Ich hab kein Bock mehr, weder auf den Stress, noch auf mein Geheule. Wäre ich doch nur ein Igel, dann würde ich jetzt eingerollt den Winterschlaf genießen.