ADHS-Kryptonit: Verlustangst

Vorgestern haben Lennox und ich Pappen ausprobiert. War ganz cool, hat mich etwas an Pilze erinnert, aber hat mich jetzt nicht umgehauen. Sören war auch da, hat uns beaufsichtigt, später kam auch noch Stuart und als alle wieder weg waren, wollte ich schlafen. Ich war auch erschöpft und müde, dennoch konnte ich nicht schlafen. Erst habe ich eine Dokumentation über Äthiopien geschaut und danach noch eine über die Welt im Jahr 500. Danach habe ich die Glotze ausgeschalten und wollte schlafen, doch ich hab mich nur hin- und hergedreht. Es hat sich dann so ergeben, dass Stuart und ich noch über eine Stunde telefoniert haben. Unsere Gesprächsthemen waren bunt gemixt und nebenbei kam auch Frau Hegersdorf zur Sprache. Stuart und ich haben uns vor knapp zwei Jahren in der Klinik kennengelernt. Er kam kurz nach mir auf die Sucht- und Depressionsstation, ergo lernte er auch Frau Hegersdorf kennen.

Nach dem Telefonat kuschelte ich mich wieder unter meine Decke und startete den nächsten Einschlafversuch. Ich lag auf dem Rücken und hörte noch ein paar Lieder mit Kopfhörer, um in mein episches Kopfkino einzutauchen. Bei einem Dramalied schoss Frau Hegersdorf in mein Kopf, plötzlich sah ich sie, die Musik lief weiter, aber ich hörte nicht mehr zu. Mein Körper wurde im Nullkommanichts von einer hauchdünnen Schweißschicht umhüllt, die erst heiß und dann kalt wurde. Gleichzeitig bildete sich ein Phantomkloß in meinem Hals, dass das Atmen erschwert war. Im ersten Moment befürchtete ich ein Nervenkolla oder eine Panikattacke, doch der Zustand verflog schnell wieder. Ausgelöst wurde er durch meine Gedanken, die um Frau Hegersdorf kreisten. Die Ungewissheit darüber, wann ich sie das letzte mal sehe, wann unser letzten Zusammentreffen sein wird oder dass sie plötzlich nicht mehr erreichbar für mich ist, weil sie einen neuen Job findet oder wegzieht, hat mich überwältigt. Meine Verlustangst hat sich gemeldet und Alarm geschlagen. Mit Verlustangst habe ich schon lange zu tun. Ich kann gar nicht zählen, wie viele Abende, Nächte ich in Gedankenschleifen festhing und in Drama über Verluste festhing. Dabei ging es nicht um Personen, mit denen ich im Clinch lag, sondern um die, die mir sehr am Herzen liegen und deren Verlust mich treffen würde. Etliche „was-wäre-wenn-Szenen“ haben sich in meinem Hirn schon abgespielt, unzählige Bilder hab ich mir schon ausgemalt und alle sind tränenbehaftet. Auch Stuart und Lennox haben mir gesagt, dass die Verlustangst eines der schwerliegensten Probleme ist. Damit fertig zu werden oder trauerfrei umzugehen ist hardcore. 

In meinem Augen ist Verlustangst ein Kryptonit von ADHS. Als sich meine psychische Lage somatisch bemerkbar macht und ich schon etwas zitterte, weil mir die Anzeichen und deren Folgen bekannt sind, kam mir etwas in den Sinn. Es hat mich bislang sehr belastet, dass ich höchstwahrscheinlich nicht bei der Beerdigung von Frau Hegersdorf sein werde. Das beunruhigt mich, weil ich eben nicht weiß, ob ich je dazu komme, mich zu verabschieden. Schließlich ist der Tod und die damit verbundene Beisetzung die letzte Möglichkeit einen geliebten Menschen zu verabschieden. Bei der eigentlich starken, aber trotzdem sehr dünnen Verbindung zwischen Frau Hegersdorf und mir, könnte jedes Treffen das letzte sein und wenn ich mich nicht entsprechend verabschieden kann, plagt es mich. Wenn man es akzeptiert, dass man Abschied nehmen muss, kommt man auch mit der Verlustangst klar, ich zumindest. Daher ist meine Angst Frau Hegersdorf zu verlieren noch groß, denn ich weiß nicht, ob ich mich je entsprechend verabschieden kann. Bei Frau Hannemann ist das weniger ein Problem, denn wir stehen uns so nah, wie Mutter und Tochter. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich eines Tages Abschied von ihr nehmen kann und deswegen plagen mich auch keine dramatischen Gedankenschleifen.

Als ich zu dieser Erkenntnis kam, war ich froh. Es fühlt sich wie ein erfolgreicher Fortschritt an, den ich von nun an weiter erforschen kann.

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Warum nicht?

Warum kann die Zukunft nicht warten? Ich hab gerade keine Zeit mich darum zu kümmern. Ständig bringen meine Gedanken mich zum heulen und zeigen mit wie beschissenen es ist jemanden zu verlieren. Die ganze Schmeißerei bringt alles durcheinander. Soviel habe ich schon lange nicht mehr geflennt. Gestern erst wollte ich mir nochmal meine neue DVD Das Schicksal ist ein mieser Verräter ansehen, aber schon in den ersten Minuten flossen mir die Tränen runter. Und das nur weil ich weiß wie die Geschihte ausgeht. Das Buch war schon umwerfend und der Film ist auch klasse. Nach gerade mal einer viertel Stunde musste ich ausmachen, weil ich diese Traurigkeit nicht ertragen konnte. Jetzt höre ich Musik und es ist dasselbe Spiel. Drama, Tränen, Verzweiflung. 

Ich will heute nicht zur Schule, ich will mich um gar nichts kümmern außer mir selbst. Ich kann das alles nicht parallel. Am liebsten würde ich den ganzen Tag mit Polly kuscheln und spazieren gehen, aber ich hab Verpflichtungen, die mir so ganz und gar nicht in den Kram passen. Aber so ist das Leben nun mal. Was soll man schon dagegen machen. Solange es nicht möglich ist die Zeit anzuhalten, ist es auch nicht möglich meine Lage aufzubessern.

Das Leben geht weiter

Was geschehen ist, ist geschehen und daran kann man nichts mehr ändern! Das Leben geht weiter, kaum zu glauben nach dem was passiert ist. Ich möchte gerne erzählen was geschah und trotzdem sperre ich es in mir ein und versuche kein Wort darüber zu verlieren. Der Termin bei Frau Hegersdorf verursachte körperliche und seelische Schmerzen. Ich habe mich meiner größten Angst gestellt und zum ersten Mal meine tiefsten Geheimnisse preis gegeben. Warum ich die Geheimnisse solange für mich behalten habe, hat sich gezeigt. Dennoch würde ich es nicht ungeschehen machen wollen. Immer noch fange ich öfters an unbegründet zu lachen und kann nicht mehr weinen, so sehr ich mich auch in ein fiktives Desaster reinsteigere. Ich weiß nicht was ich davon halten soll. Irgendwie läuft das Leben einfach stupide lang hin. Am Donnerstag habe ich wieder einen Termin bei ihr und ich denke, dass dies mein letzter sein wird. Ich werde ihr Leb´ wohl sagen. Ich habe sie verloren. Es ist genau das geschehen, wovor ich solche Angst hatte und Angst ist das was meine Geheimnisse nährt.

Morgen geht Stuart wieder in die Klinik und zwar auf dieselbe Station, auf der wir uns kennen lernten und Frau Hegersdorf arbeitet. Aus dem Grund habe ich ihn seit dem Termin ignoriert, aber nicht bösartig, zumindest war das nicht mein Ziel. Als er mir heute schrieb, dass er den Kontakt zu mir vermisst, habe ich ihn kurz geantwortet. Ich kann einfach ein Kontakt zu ihm haben, wenn er täglichen Umgang mit Frau Hegersdorf hat, denn ich will nicht, dass er mir was von ihr oder der Therapie erzählt, ich will einfach nichts von ihr hören. Er akzeptiert meine Entscheidung und war damit einverstanden, dass es nach seiner Klinikzeit weiter geht als zuvor. Ich habe nun den Abstand zu ihm, was wie gesagt keine persönliche Gründe hat, aber ich kenne mich und weiß, dass ich nachfragen werde. Das Risiko will ist nicht eingehen. Was ist wenn diese Gemütskatastrophe zurück kehrt? Nein, nicht nochmal!

Das Leben geht weiter. Es läuft einfach weiter und so auch ich. Das dachte Frau Hegersdorf wohl weniger, denn sie wollte mich aufgrund meiner Lage gleich in die geschlossene Anstalt einweisen, doch ich bettelte sie fast schon an, dass ich da nicht hin will. Ich will nicht eingesperrt werden und auch nicht mein Hund allein lassen. Polly und ich sind ein Herz und eine Seele. Uns beiden würde eine räumliche Trennung auf Zeit nicht gut tun. Und dann ist da noch die Schule, die ich schon einmal wegen einem Klinikaufenthalt unterbrechen musste. Es fühlt sich so an, als würde ich alles verlieren, wenn ich die Schule verliere, als bliebe mir nichts anderes. Meine gesamte Struktur baut sich um die Schule herum auf. Sie konnte es verstehen. Trotzdem musste ich sie am nächsten Morgen anrufen, sozusagen zur Kontrolle, ob ich noch atme. Natürlich kann ich verstehen, dass sie sich sorgt, aber das wirkt komisch. Es kommt mir so vor, als trägt sie eine Maske, die mir zuvor nie aufgefallen ist, weil ich dachte, dass sie authentisch ist und keine Rolle bekleidet. Und davon war ich zweifellos überzeugt. Jetzt wo ich nach und nach realisiere, was sie alles während meiner Sprachlosigkeit sagte sind Zweifel da. Vielleicht bin ich auch einfach nur durcheinander, aber eins ist klar: ich werde sie am Donnerstag zur Rede stellen. Wenn diese Szene in meinen Kopf rattert, dann sehe ich mich völlig wütend, ja ich mache sie richtig zur Sau. Und das bin ich auch, ich bin wütend. Zwar nicht wegen dem was sie mir persönlich angetan hat, aber wegen dem was sie generell getan hat, obwohl sie mich versicherte immer ehrlich gewesen zu sein. Ob sie mir doch nur was vorgespielt hat, werde ich am Donnerstag raus finden und das hoffentlich bevor ich eskaliere.

Bis zum 10. Januar muss ich clean werden und bleiben, denn da muss ich zu meinem Psychiater, der mir dann Strattera verschreiben wird. Bis dahin hat er mir schon mal Pipamperon mitgegeben. Diese Tabletten haben den gleichen Wirkstoff wie die Dippiperon, die ich in der Klink zum Einschlafen bekam. Heute früh habe ich den (vorerst) letzten Joint geraucht und hoffe, dass ich solange durchhalte. Ich will nicht aufhören zu kiffen, aber ich will meine finanzielle Lage auch wieder aufbessern. Außerdem habe ich seit zwei Wochen brutalen Druck und will Sternschnuppenstaub, auch wenn ich viel zu wenig wiege. Ich will meine Konzentration in Recherchen und Graffitis stecken. Ich will malen und schreiben! Seitdem ich angefangen habe zu ziehen, kommt es mir so vor, als könne ich meine große und weniger große Leidenschaft nicht mehr ohne Speed nachgehen. Klar, das ist nur Einstellungssache und heute konnte ich mir beweisen, dass es auch ohne geht, aber ich kann noch nicht wirklich dran glauben. Ich bin gespannt, ob die Pipamperon heute ihre Wirkung entfalten oder ob ich wieder Stunde um Stunde wach liegen werde, um von meinen Ängsten heimgesucht zu werden. Immerhin kann ich nicht mehr heulen, so schlimm kanns´ also nicht werden. Beschissen leere Hülle! Als wäre ich jemand wie jeder andere.

Sprachlos wie nie

Gerade habe ich mit Frau Hegersdorf telefoniert. Als ich ihre Stimme hörte, fing ich an zu stottern und wusste nicht was ich sagen soll. Sie fragte, was sie für mich tun könne und ich fühlte mich, als hätte ich das Sprechen verlernt. Zwischen ein Haufen „Äh“ und „also ich … ähm“ schaffte ich ihr mitzuteilen, dass ich mächtig nervös wegen morgen bin und dann wurde mir bewusst, dass ich keine Ahnung habe, warum ich sie angerufen habe. Im Nullkommanichts war ich unsicher und noch nervöser als so schon. Nicht einmal ihre einfühlsame Stimme konnte mich beruhigen. Morgen habe ich den Termin bei ihr und sie sagte, ich solle mich nicht verrückt machen. Das will ich auch nicht, aber es ist schwer dagegen anzukämpfen. Immer wieder schießen mir ähnliche Szenen in verschiedenen Variationen durch den Kopf. Ich hab das Gefühl, dass ich durchdrehe. Heute morgen passierte dasselbe, wie vor dem letzten Termin. Ich würde früh wach, weil ich etwas unschönes geträumt habe und wieder habe ich keine Ahnung was mir solche Angst eingejagt hat. Der letzte Termin wurde abgesagt und der morgen steht auch auf der Kippe, auch wenn Frau Hegersdorf recht überzeugt davon ist, dass wir uns morgen sehen. Als ich sie zuerst erreichen konnte, war sie zuerst im Gespräch mit einer Patientin und als sie eine Stunde später zurückrief, dachte sie erst, dass ich den Termin absagen möchte und dabei klang sie etwas geknickt. Stotternd konnte ich verneinen, denn ich freue mich auf den Termin und sie wiederzusehen, aber genau so panisch bin ich auch deswegen. Sie könnte mir nicht versichern, dass alles gut wird und fügte hinzu, dass es kaum etwas gäbe, womit wir nicht zurecht kämen. Für einen Augenblick regulierte sich mein Atem und im nächsten habe ich mich gefragt, was ist, wenn mein Problem, mein gut gehütetes Geheimnis zu den Problem zählt, weswegen sie „kaum“ benutzte. Ich weiß nicht wohin mit meiner panischen Nervosität. Ich weiß nur, dass ich die Schule heute sausen lasse und mir neue Papers holen muss.

Nervosität macht sich breit 

Übermorgen habe ich den Termin bei meiner Psychologin und ich habe mich vorbereitet. Sie sprach das letzte Mal meine Gedankenschleifen an und ob ich sie aufschreiben könne. Nun, ich sagte, dass ich es tun würde, aber ich habe mich gedrückt. Also ich habe ein paar Anfänge geschrieben, doch sobald es ans Eingemachte ging, lenkte ich mich ab mit allen Mitteln. Nun habe ich ihr einen Brief geschrieben, in dem ich ihr meine Lage schildere. Außerdem steht da mein großes Geheimnis drinnen. Der Grund und Motor meines Problems. Allein schon die Vorstelling daran, dass ich ihr den Brief überreiche, weil ich es garantiert nicht schaffe auszusprechen, stiehlt mir den Atem. Seit ein paar Tagen werde ich immer nervöser, um so näher der Termin rückt.