Die Ritalinfrage

Es sind jetzt schon ein paar Wochen vergangen, in denen ich überlege mir Ritalin verschreiben zu lassen. Vor knapp zwei Jahren wurde ich in der Klinik auf Medikinet eingestellt und jetzt hatte ich die Möglichkeit Ritalin zu testen. Es wirkt sehr ähnlich, dennoch ziehe ich Ritalin vor, denn wenn die Wirkung von Medikinet abklingt, bin ich völlig erschöpft und könnte auf der Stelle einschlafen. Das ist bei Ritalin nicht so krass.

Mitte Januar hatte ich einen Termin bei Frau Hegersdorf und habe unter Anderem auch darüber mit ihr geredet. Sie ist Psychologin und darf nichts verschreiben, allerdings hat sie mir eine Telefonnummer eines Psychiaters, der gleichzeitig auch Oberarzt in der Klinik ist gegeben. Bei den Herren habe ich mir bereits einen Termin geholt und jetzt habe ich ein Valentinsdate, hehe. Bisher habe ich nur Gutes von ihm gehört, … naja, auch nur von Stuart und Frau Hegersdorf. Übrigens war das letzte Treffen mit ihr wundervoll. Es ist toll wieder zu ihr gehen zu können, wenn auch nur selten. Sie gab mir die Aufgabe eine Pro-/Kontraliste zum Ritalin anzufertigen, um für den Termin bei Herrn Dr. Nolle vorbereitet zu sein. Ich hab mich also ran gemacht und das gröbste zusammen zu tragen. Auf der Proseite stehen acht Stichpunkte und auf der Kontraseite nicht mal halb so viel. Die Fakten sprechen also für die Medikation, mein Gefühl jedoch dagegen. Bislang konnte ich nicht wirklich herausfinden, was genau es ist, dass mich Zweifel lässt. Es ist einfach ein mulmiges Gefühl. Ich werte das mal grob aus:

Pro-Ritalin

Die Wirkung erinnert mich sehr an  die von Sternschnuppenstaub und als ich bei meiner Biolehrerin mal nachfragte, warum der Appetit auf Ritalin da ist und bei Pep nicht, sagte sie mir, dass es an der Dosierung liegt. Beides zählt zu den Weckaminen, aber Ritalin, um genauer zu sein Methylphenidat gehört nicht zu Amphetamin, ähnelt dem nur sehr. Nach der Einnahme von einer 30 mg Hartkapsel Ritalin fühle ich mich wie nach einer Bahn, bloß besser. Meine Konzentration ist geordnet und ich kann mich ablenkungsfrei auf etwas fixieren. Zudem kehrt ein innerlicher Frieden ein, als wäre das Chaos, das Durcheinander aufgeräumt. Außerdem habe ich einen stabilen Gemütszustand, also eine einwandfreie Selbstbeherrschung. Ich verfalle weder nicht Mecker- bzw. ätzenden Gedankenschleifen, noch rege ich mich ständig über Firlefanz auf. Dazu kommt, dass ich Tatendrang verspüre und anpacke, aufräume oder sonst was erledige. Meine Motivation ist eben gesteigert und meine Matheverständnis ebenfalls. Unglaublich aber wahr: gedopt macht Mathe plötzlich einen Sinn und ich kann die Logik dahinter erkennen. Das sind schon viele gute Dinge, die mir das alltägliche Leben enorm erleichtern, aber die drei besten Punkte habe ich noch gar nicht erwähnt. Zum Einen wäre da der verstummte Suchtdruck. Auf Drogen hab ich gar kein Bock, kein Verlangen. Nur aus Gewohnheit will ich noch mein Joint rauchen, aber ohne geht auch. Weiterhin normalisiert das Ritalin mein Essverhalten. Seit Jahren hatte ich nicht mehr so ein gesunden und auch spezifischen Appetit. Auf einmal habe ich wieder Hunger auf dies und das und spüre es auch, anstatt nur eine Art Druck in der Bauchgegend. Und der krönende Abschluss: keine Schwierigkeiten beim Einschlafen. Wenn ich über den Tag verteilt zwei 30 mg Kapseln einnehme, bin ich abends ermüdet, auch geistig, somit verfange ich mich nicht stundenlang in Gedankenschleifen und kann den Schlaf ein Stück weit kontrollieren und einleiten, auch ohne mein geliebtes Gras. Heute wundert es mich nicht mehr, dass keinerlei Schlaftabletten je geholfen haben. Im Großen und Ganzen fühle ich mich besser mit Ritalin und auch sicherer, denn ich kann einfach durchatmen bevor ich ausraste, wodurch ich weniger eine Gefahr für mich und meine Mitmenschen bin.

Kontra-Ritalin

Sonnenschein bringt auch Schatten mit sich. Angefangen beim Suchtdruck: mein Verlangen nach Drogenkonsum ist zwar weg, dafür habe ich mehr Schmacht nach Zigaretten. Wenn ich kiffe, rauche ich nur in der Schule und auf Arbeit, gelegentlich auch in Gegenwart der Familie. In der Schule ist es jedoch eher die Gewohnheit, wie auch auf Arbeit. Ich rauche mit Ritalin nicht sehr viel mehr, aber mir gefällt die gesteigerte Nikotinlust nicht, denn auch wenn es positive Auswirkung auf den Geist hat, hat es auch negative auf den Körper, man betrachte nur mal die Ekelbilder auf den Tabakwaren, die ich immer mit Sticker abklebe. Etwas was ebenfalls unerfreulich ist, ist dass meine Empathie gedämpft ist. Ich kann weniger erkennen wie mein Gegenüber drauf ist, wie er sich fühlt, was mich verunsichert. Wenn sich jemand beschissen fühlt, will ich nicht unbedingt taktlos sein, sondern einfühlsam. Meine natürlich gegebenen Fähigkeiten sind aber nicht nur in der Emotionsabteilung eingeschränkt, auch mein Gedächtnis ist davon betroffen. Die themenspezifische Fokussierung ist zwar ein Propunkt, jedoch wirft dieser einen für mich bedenklichen Schatten. Im nüchternen Zustand verfüge ich über uneingeschränkten Zugriff meiner geistigen Leistungsfähigkeit, das heißt: mir ist bewusst was in meine Umfeld passiert, als würde ich es scannen. Wenn es mir schlecht geht, kann das schief gehen und es kommt zu einer Reizüberflutung. Die zerrt dann an mir und ich brauche erstmal Ruhe, Abschottung. Ritalin bewahrt mich davor, beschränkt mein Blick aufs Wesentliche, blockiert allerdings auch ungefragte Gedankenstränke. Ein Beispiel: angenommen ich sitze im Deutschunterricht und wir müssen mal wieder irgendein Gedicht zerfleischen. Unter Ritalin bin ich dann gedanklich bei der Gedichtinterpretation, mir fehlt aber der Zugriff auf geschichtliche Fakten, die für den Background notwendig sind. Ohne Ritalin sind diese Daten jederzeit present, dafür bin ich jedoch ablenkbar und schweife manchmal in Gedanken ab. Beim Abschweifen dringt auch nicht mehr Frau Hannemanns Geschwafel durch und dann stehe ich da. Es ist kompliziert das genau zu erklären, weil ich mit autodidaktischen Forschung noch am Anfang stehe. Das habe ich auch Frau Hegersdorf erklärt und sie war gleich ganz aufmerksam. Dazu habe ich ihr etwas skizziert, das die Ordnung meiner Gedankenstränge darstellen soll.

Hier die Gedankenstränge mit Ritalin: geordnet und einzeln. Die grünen Pfeile stellen das Ritalin dar, was auch eine Art Mauer zwischen den einzelnen Strängen bildet.


Und hier der nüchterne Zustand: chaotischen und vereint. Zugriff auf alle Stränge gleichzeitig möglich, jedoch mit Ablenkung verbunden.

Vielleicht kann ich es bald besser erklären und ich bin schon gespannt auf meinen Termin bei Dr. Nolle. Auch wenn Pro-Ritalin überwiegt, habe ich noch Zweifel. Auch wenn meine geistige Leistungsfähigkeit besser ist, ist sie doch eingeschränkt. Ausdauer und Fokus versus universellen Zugriff. Ich weiß nicht so recht, was soll ich tun? Frau Hegersdorf steht dem ebenso skeptisch gegenüber und momentan hat sie mehr Bedenken was die Ritalinmedikation bei Cannabis- und Amphetaminkonsumenten angeht, da sie gerade einen Patienten mit eher schlechten Erfahrungen hat. Mehr hat sie dazu nicht gesagt, schließlich herrscht Schweigepflicht. Mal sehen was mein Termin am Valentinstag bringt.

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4 Gedanken zu “Die Ritalinfrage

  1. Pingback: Mein Dopaminleck

  2. Da hat sich ja einiges bei Dir getan, seit ich das letzte Mal in Deinem Blog gestöbert hab! Ich finde es toll, wie reflektiert und erwachsen Du mit Dir und Deinem Umfeld umgehst. Und vor allem finde ich Deine autodidaktische Forschung extrem spannend.

    Gern mehr davon! ❤

    Gefällt 1 Person

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