Arbeits- und Privatperson

Mir ist aufgefallen, dass die Arbeitergesellschaft immer weniger darauf achtet, wie jeder einzelne den Betrieb repräsentiert. Greifbarstes Beispiel: die Angestellten im Supermarkt. In der neunten Klasse musste ich ein dreiwöchiges Schülerpraktikum machen und hatte absolut kein Plan. Kurz vor Peng entschloß ich bei MiniMal nachzufragen, was damals nur wenige Meter von zu Hause entfernt war. Da bekam ich ein recht guten Einblick und lernte die Arbeitsanforderungen bzw. -aufgaben kennen. Wenn ich mit Warenrollis durch den Markt musste, dann im Rückwärtsgang mit Schulterblick aufs Geschehen, um keine Kunden zu belästigen. Beim Abstellen sollte ich darauf achten, möglichst keine Gänge zu versperren und die Waren nicht zu verbauen. Neben den Belehrungen zur Arbeitssicherheit und ein Grundkurs im Umgang mit der Ware, erklärte man mir auch, dass beim Kundenkontakt eine freundliche Atmosphäre herrschen sollte. Für mich heißt das: einfach mal lächeln und den Kunden seine Aufmerksamkeit schenken. 

Heute ist MiniMal, nicht mehr MiniMal, sondern Rewe und Rewe ist heute nicht mehr da wohl es mal war, sondern gute 200 Meter nordöstlich die Straße runter. Es ist nicht mal mehr eine Hand voll der Leute da, die im Praktikum meine Kollegen waren. Aber bei den alteingesessenen Hasen ist noch deutlich der Arbeitsmaßstab erkennbar, der mir, vor fast genau elf Jahren vermittelt wurde: der Kunde ist der Mittelpunkt der ganzen Supermarktgeschichte. Für die Einkäufer werden die Regale bestückt, Angebote ausgeschrieben und Waren abkassiert. Jeder Angestellter im Markt, ob Kassiererin, Warenpacker oder Thekenbraut, alle repräsentieren den Betrieb mit ihrem Auftreten und ihrer Arbeitsqualität. 

Gegenwärtig scheint dieser Arbeitsmaßstab, kein Maßstab mehr zu sein. Egal ob ich bei Rewe oder irgendeinem Discounter einkaufen gehe, die Vielzahl der Angestellten sind beschissene Repräsentanten und achten immer weniger auf den Einkaufskomfort der Kunden, die letztenendes den Lohn finanzieren. Meist sieht man nur Gesichter, die eine Fresse ziehen und dabei zornig-gestresst blicken. Sie strahlen stetiges Angekotztsein aus und behandeln die Kundschaft nicht einmal halbherzig. Spricht man ein Mitarbeiter an, der bspw. Regale einräumt, kommt weder ein Begrüßung, noch die volle Aufmerksamkeit, ja oftmals nicht mal ein Blickkontakt. Manche unterbrechen kurz und wenden sich entnervt stöhnend dem Einkäufe und andere drehen sich nicht mal für die Antwort um. Beim rangieren der vollen Paletten oder Rollis, wird einfach drauf zu gehalten und anstatt auf die Kunden zu achten, müssen die Kunden auf den Service achten. Die Warenladung wird dann einfach abgestellt, ohne groß auf die umliegende Produkterreichbarkeit zu achten. Freilaufende Mitarbeiter flüchten auch vor den Kunden, laufen zügig durch die Gänge und vermeiden Blickkontakt. Innerbetriebliche Diskussionen, Rumgemeckter über die Arbeitszustände und persönliche Zickerein werden auch nicht mehr im Personalbereich ausgekaspert. Arbeiter im Zweierteam unterhalten sich auch oft und wenn dann ein Kunde kommt, muss der bis zur nächsten Sprechpause warten. Wie man sich da fühlt? Meinereiner kommt sich dann unerwünscht und störend vor. 

An der Kasse trifft man schon eher etwas Freundlichkeit: Begrüßung, Zahlungsdialog und Abschiedfloskeln, die verbalen Höflichkeiten, die auch mal ein Lächeln tragen. Doch im allgemeinen ist ein Dreiviertel des Supermarktpersonal negativ verseucht. Generell wird viel zu viel über die Arbeit an sich gemeckert, überall wird rumgejammert und sich beschwert. Deutschland du machst depressiv. Die Menschen freuen sich, wenn sie sich aufregen können, zeigen mit dem Finger auf die Fehler andere, wollen eigene jedoch vertuschen und verleugnen. Stellt man den Schuldigen dann zur Rede, kommt nur noch selten eine Entschuldigung, Einsicht oder ein Besserungsversprechen zurück. Widerworte sind schwer im Trend. Kaum einer steht zu seinen Negativitäten und Fehltritten, man will nur gut da stehen. Der tatsächliche Schuldige rechtfertigt sich zur Anklage und erklärt das Geschehene, wobei letztenendes die Ursache des Fehlers durch Dritte oder kuriose Umstände liegt. Dabei wird verschönigt, verheimlicht, gedreht und gelogen. Alles falsche Bubifratzen, deren Arbeitsleistung immer minderwertiger wird. 

Äußert man als Verbraucher negative Kritik an den Dienstleister, wird man oft nicht vollständig angehört, scheinheilig nickend abgewimmelt oder erhält spitzzüngige Gegenworte. Gestern erst live miterlebt, als ich den Service vom Schlüsseldienst benötigte. Nummer vom Notfalldienst gewählt, Zuständiger antwortete: „Michalek, Notfalldienst“. Keine Begrüßung, keine Ahnung mit wem ich rede und kein überflüssiges Wort. Anschrift, sowie Hintername wurden erfragt und eine zwanzigminüte Wartezeit angekündigt. Wie schon erzählt, kamen die Außendienstmitarbeiter erst nach einer Stunde. Die zwei Anwesenden wussten jedoch nicht, dass wir bereits so lange warten und den Auftrag bereits telefonisch storniert haben. Nachdem ich die Lage meckernd schilderte, fing einer gleich an zu erklären, dass der Kollegen in Brielow ist und gerade erst mit dem Auftrag anrief, er könne also nichts für den Patzer. Der Angestellte schien so, als fühlt er sich persönlich angegriffen und wies nur die Schuld von sich. Der Betrieb dahinter wird ignoriert, somit auch deren Ruf und Qualität der Mundpropaganda. Meine Unzufriedenheit wird mit Kommunikationslöcher oder fehlerhafter Zusammenarbeit abgespeist, was mich kein Stück tangiert. Unter stiller Anwesenheit des Firmenchefs, hätte er garantiert kompetenter gehandelt: den zurecht verärgerten Kunden anhören und sich im Namen der Firma für die Unannehmlichkeiten entschuldigen. Dabei sollte man vielleicht auch freundlich bleiben und versuchen, den Kunden positiv zu stimmen. Pubertäres Gehabe und eine kalte Schulter sind kontraproduktiv.

In der Arbeitergesellschafft geht die Disziplin flöten, Moral verreckt und Kompetenz versiegt. Ich frage mich, wer überhaupt noch motiviert seine Tätigkeit angeht oder gar bestrebt ist, als guter Mitarbeiter zu glänzen. Vermehrt herrscht eine Arbeitsmoral, die sich radikal auf das Wesentlichste beschränkt. Die deutschen Werte, als auch preußischen Tugenden haben ausgedient und wurden ersetzt durch Negativitäten und Ficklaune. Angestellte fühlen sich grundlegend ungerecht behandelt, regen sich über schludrige Kollegen auf, beschweren sich über gewisse Umstände und meiden anstrengende oder verantwortungsvolle Aufgaben. Alle wollen mehr Kohle und erwarten, verlangen gar bessere Zeiten, aber kaum einer will mehr was dafür leisten. Es gibt immer weniger Personal, was sich bemüht seinen Anforderungen gerecht zu werden. Viele Beschäftige schlüpfen regelmäßig ins Arbeitsoutfit, bekleiden sich mit dem Firmennamen und werden stundenweise entlohnt. Nur weniger darunter schlüpfen auch in den Arbeitermodus, der große Rest bleibt Privatperson. Private Angelegenheiten, seien es Depressionen, Problemfälle oder andere Ärgernisse, werden während der Schaffenszeit aktuell gemacht, die Konzentration und Gedanken landen in der Freizeit. Zum Feierabend hin sind die besagten Klapperköppe abgefuckt vom Tag, wollen pünktlich mit Schichtende von Gelände sein, um in ihrer Freizeit über den verkackten Arbeitstag zu meckern.

Die nationale Mentalität ist verseucht von Selbstgefälligkeit und Disziplinmangel. Die Vermittlung von Werten an die nächste Generation nimmt ab, das gesellschaftliche Miteinander ebenfalls. Selbst fundamentale Verkehrsregeln, scheinen nicht mehr gängig zu sein. Hier ist jeder einzelne, der über siebzigtausend Kleinstädter verantwortlich für die verkorkste Gesellschaftssituation. Geduld, Hilfsbereitschaft, Zusammenarbeit, etc. sind verlorene Tugenden und Rücksicht, Freundlichkeit, als auch Selbstbeherrschung sind missachtete Werte. Manieren und Anstand werden belanglos, gutes Benehmen wird selten. So ist das, wenn man nur an sich denkt und sein Umfeld außer acht lässt.

Das Privatleben sollte zu Hause bleiben, wenn man zur Arbeit geht und dafür bezahlt wird seinen Job zu erledigen. Während der Arbeitszeit ist man ein Teil der Firma und somit auch Teil der Qualität und Reputation. Es fehlt Zucht und Ordnung, vor allem aber Disziplin und Beherrschung unter autoritärer Führung.

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2 Gedanken zu “Arbeits- und Privatperson

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