Wenn es zu schön ist, um wahr zu sein …

… dann kommt doch prompt wer daher und stellt dir ein Bein! Und weil ich noch so müde war, stolperte ich mir Schmackes auf mein Smilyface. Nachdem ich mich Freitagfrüh schwermütig aus dem Bett bewegt habe, ging ich mit Polly runter und der Mond wünschte mir einen guten Morgen. In meinem Gesicht formte sich ein Lächeln, denn ich freute mich auf das lang ersehnte und schon fast erreichte Ende des Tunnelblicks. Durch mein Kopf schossen Gedanken wie „nur noch drei Stunden arbeiten und morgen wird kein Wecker klingeln“ oder „unfuckingfassbar, wie geil, endlich wieder mehr Zeit für mein Pollypoop“. 

Nach der Hunderunde entdeckte ich auf meinen Handydisplay einen verpassten Anruf von der Arbeit. Warum ruft er mich so früh an? Eine halbe -/dreiviertel Stunde später, wäre ich eh da gewesen. Mit einer grimmigen Mimik zwang ich mich dazu zurückzurufen, auch wenn mir das gar nicht in meinen herrlichen Morgen passte, denn wenn Cheffchen zu Hörer greift, dann brauch er jemand der einspringt. Ein tiefer Atemzug, ein aufgesetztes Lächeln und anrufen. Wie ich bereits vermutete, fragte er mich ob ich Sonntag einspringen könnte. Zumindest habe ich dieses Mal erst nach der Zeit gefragt, bevor ich wieder blindlings Zusage. Beim letzten Mal sagte ich einfach zu, weil ich nun mal ein positives Bild auf Arbeit abgeben möchte .. und dann sagte er mir, dass ich dann von 7:30-10:30 Uhr Dienst habe. Voll in die Fresse, und wieder mit ordentlich Schmackes! Das Geld interessiert mich dabei weniger, aber da im Januar der Umzug ansteht, sollte ich soviel Geld scheffeln, wie möglich. Da genieße ich doch lieber meine Zeit mit Polly und führe ein bescheidenes Leben, als dass ich für irgendwen Überstunden schrubben gehe. Geld stinkt ganz schön und verbreitet überall die Seuche. Wenn Polly ihren Lebensabend erreicht, will ich es nicht bereuen, zu wenig Zeit mit ihr gehabt zu haben. 

Nun muss ich Sonntagabend für fünf Stunden arbeiten. Cheffchen wollte mich erst von 14-23 Uhr mit einstündiger Pause dazwischen einteilen, aber nee. Ich hab nur eine Schicht genommen und selbst die kotzt mich jetzt an. Dann werde ich mich heute Abend eben dort hin schleppen und hoffen, dass ich nicht auch noch am Mittwochmorgen eingeteilt werde, denn da fällt jemand für die 7:30 Uhr-Schicht aus. Da hat man sich mal zehn Minuten zu früh gefreut…

Gestern fand ich in meiner Notizapp ein paar lyrischen Werke, Gedichte, die ich vor zwei-/drei Jahre schrieb. In der elften Klasse behandelten wir Fabeln und anschließend Gedichte im Deutschunterricht. Mir haben idyllische Formulierungen schon lange gefallen, schon damals auf der Realschule. In diesen vier Jahren gab es nur wenige Momente, in denen ich gerne in der Schule war. Die meiste Zeit wurde ich gemobbt und fühlte mich unwohl. Wenn wir vor einem Raum warteten, hörte ich immer das absichtlich-laute Getuschel mit anschließendem Gelächter. In den fünf-Minuten-Pausen blieb ich immer möglichst unauffällig auf meinem Platz sitzen, wenn wir den Raum nicht wechseln mussten. Mir war es egal, dass ich gelegentlich ein Papieknöll oder eine Alufoliekugel abbekam, aber die Lästerei, dummen Geräusche und Beleidigungen waren schon ganz schön hart. Zum Glück konnte ich meine Tränen verstecken, sonst wäre ich nur ein noch größeres Opfer gewesen. Alles Fotzen! Meiner Mutter ging das am Arsch vorbei, zu Hause war sie auch fast nie und bei Elterngespräche war sie auch ein äußerst seltener Gast. Bis auf eine Ausnahme, hab ich ihr immer früh genug Bescheid gesagt. Wenn sie nicht da war, kassierte ich am nächsten Tag die Abreibung. Meine kratzbürstige Klassenlehrerin Frau Canewitz stellte mich dann immer vor der ganzen Klasse zur Steinugung aus. Sie meckerte mich vor allen voll und regte sich dabei immer viel zu sehr auf. Ich wollte nur im Boden versinken. In der neunten Klasse wurde es schlimmer und ich entschloss mich mit meiner Opferrolle zu der Canewitz zu gehen. Beim Reden musste ich mich zusammenreißen, denn mir ging es kacke, in meinem Hals steckte ein klebriger Kloß und Selbstbewusstsein hatte ich auch nicht. Es war schon schwer genug zu ihr, Miss Gefrierpunkt, zu gehen und nachdem ich kurz meine abgefuckte Lage schilderte, fragte sie vollends empört: „ja und was soll ich da jetzt machen?“ Das hat mir echt den Rest gegeben. Der Kloß schwoll an und der Druck auf meinen Augen wurde stärker. Ich bedankte mich für nicht und sagte ihr, dass ich nach Hause gehe, weil ich nicht mehr kann. Augenblicklich drehte ich mich um und verschwand. Mit tief gesenktem Kopf verließ ich das Schulgelände im Eilschritt. Was das nicht für eine herzlose Fotzenfresse ist! Diese blöde Erinnerung kreuzt hin und wieder meinen Weg. Einmal sah ich das Mistvieh in der Stadt, aber etwas zu spät, denn es steht noch Rache auf meiner To-Do Liste. Wenn ich sie das nächste Mal sehe, dann hoffentlich nicht auf Arbeit, denn ich will ihr einfach nur ins Gesicht rotzen, aber mit SCHMACKES! Das muss scheppern, denn so schäbig wie sie mich behandelt hat, verdient sie meine Verbalitäten nicht. Das ist weder die Zeit, noch die Energie wert. Umso früher ihre Wege meine kreuzen, desto eher werde ich von dieser wartenden Wut erlöst.

Die Canewitz war auch zugleich meine LER- und Deutschlehrerin. Damals mussten wir auch eine Gedicht lernen. Zur Auswahl stand der Zauberlehring und der Erlenkönig. Ich wählte zweiteres und beim Lernen keimte der Samen einer neuen Vorliebe, etwas, was meine Aufmerksamkeit erregte. Somit gab es zumindest ein paar Momente mehr, in denen ich gerne in der Schule war. Als ich gestern mein kurzes Gedicht „Zur Stunde“ las, musste ich wieder an diesen Moment denken, als die Canewitz mich eiskalt im Regen stehen ließ. Das schrieb ich vor knapp drei Jahren, noch bevor ich Sid kennenlernte:

Schau mal dort, das Gossenkind läuft fort!

Sieh doch her, das Elfenkind schlendert umher!

Im Schatten geborgen, versteckt der Junge seine Sorgen.
Im Schein der Sonne, lockt dem Mädchen die Wonne.
Normalerweise bin ich nicht so wortkarg, aber bei diesen spezifischen Zeilen, wollte ich keine Gefühle verstecken. Es soll das eisig-kalte Herz der Canewitz symbolisieren und zeigen, wie herablassend, gar angewidert sie mich ansah. 

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