Selbsthass am laufenden Band

Mein neuer Tiefpunkt entwickelt sich fühlbar zu einer unüberwindbaren Schlucht, in der ein andauernder Tornado wütet und ich hänge fest wie in einem Sumpf. Ich stecke hüfttief im Moor, mein Gesicht wird vom aufgewirbelten Dreck ausgepeitscht und mein Herz … ja mein Herz ist erst Schuld an dem ganzen Drama.

Ich hab absolut kein Plan, weiß nicht wo mir der Kopf steht und fühle mich wie ein Oberloser aus der Gosse. Meine Gefühle haben die Oberhand über meine Gedanken erlangt. Schön ist anders, denn irgendwie schaffen Gefühle es immer wieder  Gedanken in hohle Teenitussen zu verwandeln. Seit Wochen muss mir von Sid anhören, dass meine Glaubenssätze falsch sind und ich in der Matrix lebe, wo alles nur aus Hollywood kommt. „Das ganze Drama ist eine Erfindung aus Hollywood“, belehrte mich mein Freund. Mittlerweile habe ich ihm gesagt, dass das Drama nicht aus Hollywood, sondern dem antiken Griechenland kommt. Eigentlich wollte ich die Stimmung auflockern, aber hat nicht geklappt. Sid aufzumuntern ist nicht nötig, denn neuerdings ist er der Avatar der Achtsamkeit und fühlt sich wie der King. 

Vorhin war ich mit Polly spatzieren und wurde schon nach den ersten Schritten von meinem negativen Gefühlscocktail überwältigt. Was ist nur in mich gefahren? Warum zweifle ich an seine Aussagen und warum habe ich das Gefühl, dass er mir was verheimlicht? Warum verhöre ich Sid mit haufenweise misstrauischer Fragen? Warum kommt es mir so vor, als würde er den ganzen Tag nur an seine Bitch denken? Was stimmt nur nicht mit mir? Und wo die Fragen herkommen, warten noch weitaus mehr dieser Art. Antworten dafür gibt es im Überfluss, aber keine scheint die wahre zu sein. Meine Gefühle machen mich verrückt und stiften Unruhe. Ich fühle mich verloren und verlassen, wie eine alte verbitterte Jungfer aus der Vorstadt, der alle Bewohner im Kiez aus dem Weg gehen. Verlassen und verloren, abgeschoben und ersetzt, am Straßenrand abgestellt und vergessen. Sicher würde ich noch mehr bemitleidende Phrasen finden, um meine selbst erschaffene Einsamkeit zu beschreiben. 

Sören lernte Ende letzten Jahres Jana in der Tagesklinik kennen. Die zwei freundeten sich an und treffen sich regelmäßig. Als Sören mir zum ersten Mal von ihr berichtete, blitzte die rote Leuchte kurz auf. Je öfter er von Jana erzählte, desto öfter ging die rote Leuchte an, bis sie kontinuierlich glühte. Die hängen immer öfter zusammen rum und unternehmen verschiedenes. Klar freue ich mich für meinen Seelenhorst, dass er eine neue Freundschaft geschlossen hat, dennoch blutet mein Herz, wenn er von den Treffen mit ihr erzählt und was sie alles unternommen haben. Ich verspüre Eifersucht, wenn Jana mit ins Spiel kommt. Das fühle ich auch, wenn es um Jenna geht, bloß dass die Eifersucht hier ins Unermessliche reicht. Hinzukommt die Liebe mit ihrer Schattenseite, wo Ängste und andere Katastrophen hausieren. Solche Extreme hab ich noch nicht erlebt. 

Verloren im Chaos des Gefühlscocktail. Mir war nicht klar, dass ich brutal Eifersüchtig bin. Wo auch immer die jetzt her kommt … Das Ausmaß ist schwer zu beschreiben, denn es ist nicht nur Eifersucht, sondern auch Ängste und derbe Depressionen. Außerdem sind da noch andere einschneidende Gefühle, die ich nicht kenne und auch gar nicht näher kennenlernen möchte. Aus meinem inneren ertönt ein Klagelied, gefolgt von einem Weiteren. Nur Gejammer und Geheul erklingen unter der vernebelten Schädeldecke. Fakt ist, dass ich zu ausreichend und äußerst unschöne Erkenntnisse kam. Ganz und gar nicht fakttastisch ist die Haupterkenntnis, die da lautet: das Problem bin ich. Ja, absolut in jeder Hinsicht. Es stimmt nichts mehr mit meiner Persönlichkeit. Jede Facette meines Wesens hat ihren Glanz verloren und die funkelnden Farben verblassten. Nichts ist mir geblieben, verschiedene Bewältigungsmethoden schlugen fehl und schließlich fiel einfach alles in sich zusammen. Die Emotionen sind geblieben und die Bemühungen waren umsonst. Zu begreifen, dass das größte Problem  man selbst ist, ist niederschmetternd. Plötzlich ist alles falsch und das bisher abgestritten ist richtig. Ein Schlag in die Magengrube und mitten ins Schwarze der Selbstachtung. Ein fataler Systemabsturz mit anschließendem Zurücksetzen auf Werkeinstellung. 

Wenn man nichts mehr hat, hat man auch nichts mehr zu verlieren. Sid hat schon recht mit dem was er mir über Eifersucht erzählte, auch wenn ich nicht zustimmen konnte. Während dem Spaziergang mit Polly, rief ich Stuart an, der mir unabhängig von Sid dasselbe erzählte. Ich fing an einzusehen, dass ich scheiße bin und sich was ändern muss, wenn ich nicht in der Gosse landen will. Was muss, das muss, also habe ich einen ausgezeichneten Artikel über Eifersucht gelesen. Im Anschluss las ich mir die 33 Psychotipps zum Unglück durch. Die Saboteure des Glücks sind die Dinge, die man nicht tun sollte, wenn man Ausgeglichenheit anstrebt. Schön aufgelistet und klar formuliert. Erneut niedergeschmettert durch die Offenlegung der eigenen Unfähigkeit. So langsam fang ich an, an Gott zu glauben. Jesus treibt sein Unwesen, wie ein Parasit der unbemerkt die Kontrolle übernimmt, um die Vernunft einzuschränken. Wer sonst, wenn nicht der von mir meist gemobbte Scharlatan hätte Grund genug mich so strafen? 

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2 Gedanken zu “Selbsthass am laufenden Band

  1. Ja, der Weg zur Selbsterkenntnis ist in den meisten Fällen niederschmetternd und schmerzhaft. Aber sei vorsichtig mit Selbstzweifeln ala „ich bin scheiße und alles ist meine schuld“. Denn fast immer ist dem einfach nicht so. Zu einem Konflikt gehören immer zwei Seiten und Sid könnte auch etwas tun um dir die Eifersucht zu nehmen.
    Wie wäre es denn wenn er euch mal bekannt macht? Der Mensch hat ja am meisten Angst vor dem Unbekannten. Möglicherweise kannst du ja sogar mit ihr über deine Angst sprechen wenn ihr euch versteht? Ich glaube jede Frau kann verstehen wie du dich fühlst.

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    • Ehrlich gesagt kriege ich schon Herpes, wenn ich nur daran denke mit ihr sprechen zu müssen … naja, aber das habe ich schon angesprochen, denn was hab ich jetzt schon noch zu verlieren. Und Sid …, der hat mir in letzter Zeit vermehrt mitgeteilt, dass es meine falschen Glaubenssätze sind, aber die eigentliche Konfliktlösung drängt er weg.

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