Und die Realität!

Ich hänge schon wieder durch. In meiner Vorstellung fühle ich mich wohl, doch das ist nicht das was jetzt geschieht. Im Jetzt geschehen zu viele Dinge, die versuchen diese Vorstellung auszuradieren. Was ist wenn ich es nicht schaffe, weil ich in der Schule versage? Versagen wegen Bequemlichkeit, Konsum und die Angst vorm Versagen. Das ist meine letzte Chance. Zumindest fühlt es sich so an. Wenn ich jetzt verkacke, dann kann ich mich von meiner Traumzukunft verabschieden. Zudem wird mir mehr und mehr bewusst, dass ich keine Beziehung führen möchte, aber Sid zu sehr liebe, um mich von ihm zu trennen. Ich bin schon wieder im scheinbar nie endenden Stellungkrieg gefangen und verschanze mich in den Gräben. Ein weitere Schlacht, die weitere Opfer mit sich bringen wird. Ich kiffe zwar, aber es kann mein hyperaktiven Kopf nicht beruhigen. Mehrere Gedankenstränge laufen parallel zu einander ab, als wäre ich völlig clean. Was ist da schon wieder passiert? Welcher Punkt knackt diesmal? Ich werde es schon herausfinden und auf der Reise wünsche ich mir Herz- und Beinbruch. Es wird schon alles schief laufen, und wie es dann weiter geht, sehen wir, sobald wir wieder klare Sicht haben. Und wer ist eigentlich wir? Ich bin wir. Die jüngsten Ereignisse ficken mein Limbisches System. Am Freitag erhalte ich die Jobzusage per Mail und am Samstag hole ich den Ablehnungsbescheid vom Assiamt aus dem Briefkasten. Ich habe wohl die nächsten sechs bis zehn Wochen kein Geld, weil das Bafög Amt so lange braucht, um den Antrag zu bearbeiten und das Jobcenter lehnt es ab mir Überbrückungsgeld zu zahlen. Meine Sozialarbeiterin ist krank und ich steh verzweifelt da. Völlig aufgelöst nach großer Freude und kurz davor von der Brücke zu springen, weil es manchmal einfach nicht erträglich ist in diesem Land zu leben. Zwischendurch rennt Frau Hegersdorf durch meinen Kopf und Celine Dion schreit dazu „you’re here, there’s nothing I feel“. Außerdem ist mir unerklärlich, wie ich in Physik um ganze drei Punkte besser bin, als in Mathe. Denn es heißt doch so schön, dass Mathe die Hure der Physik sei. Das war ironisch, denn es ist ganz simpel: mein Physiklehrer kann unterrichten und meine Mathelehrerin hat es nicht so fabelhaft drauf. Aber mal davon abgesehen … Ich muss jetzt zum Geburtstag von Sids kleiner Schwester und kann mich erstmal nicht weiter um mich kümmern, so verwirrt ich auch bin.

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Vorstellung & Realität

Es gibt bestimmt viele Leute, die eine Traumvorstellung von ihrem Leben haben. Ich bin eine davon. In meiner Vorstellung sieht mein Leben für mich perfekt aus. Da habe ich eine schöne Altbauwohnung oder ein kleines Häuschen, wo ich mit Polly, einem weiteren Jackell und den Meerschweinchen lebe. Sören wohnt nur einen Katzensprung entfernt von mir. So ist es auch jetzt schon, aber meine Wohnung gefällt mir weniger. Sie hat einen unpraktischen Grundriss, die Decken sind echt hässlich, sie ist nicht gerade hell und hat schiefe Wände, was mich am meisten stört. Immerhin ist es eine Altbauwohnung mit einem fantastischen Küchenausblick auf die St. Johannis Kirche in der historischen Innenstadt. Und ich hätte einen Garten, wo ich Beete anlegen und einen Baum anpflanzen kann. Vielleicht auch mit einem kleinen Gewächshaus.

Beruflich bin ich Uniprofessorin in Geschichte oder Psychologin in einer Nervenklinik. Eine eigene Praxis wäre auch eine Alternative. Momentan bin ich Schülerin an der Abendschule, um mein Abitur im Zweiten Bildungsweg nachzuholen. Zudem fange ich Ende Februar im Theater an. Ich habe mich für den Einlass beworben, um mir etwas Geld dazu zu verdienen. Es ist ein kleiner Nebenjob, aber nebenberuflich wäre ich gerne Autorin, mit Erfolg, aber nicht allzu bekannt wie J. K. Rowling oder so. Bislang habe ich schon drei Romane, ein Märchen, einige Gedichte und Sonetten, als auch Kurzgeschichten geschrieben, aber  nicht veröffentlicht, weil das Leben als Autorin heutzutage nicht einfach ist. Vor zwei Jahren habe ich auch beim lokalen Märchenwettbewerb teilgenommen, aber nichts gewonnen. Der findet jährlich statt und ich wollte wieder teilnehmen, als es jedoch soweit war, habe ich es einfach ignoriert, weil ich zu demotiviert war.

Mein sozialer Kreis wäre nicht viel anders als jetzt auch. Zumindest was den Kern betrifft. Ich wäre Single, Sören würde mit mir durchgeknallte Videos drehen, so wie Troy und Abed in Community und Stuart wäre unser Techniktyp. Zudem hätte ich eine jüngere Freundin, die mich als Vorbild sieht und zu mir kommt, um sich Ratschläge einzuholen. So wie Frau Hannemann und ich. Um Frau Hannemann würde ich mich kümmern und ihr bei alltäglichen Dingen zur Hand gehen, weil ihre Söhne nicht hier wohnen, sondern im nördlichen und westlichen Teil von Deutschland. 

Sogesehen ist das meine Vorstellung für die Zukunft und ich hoffe, dass mein Leben eines Tages so aussieht. Ich weiß wer ich sein will und vielleicht sollte ich darauf mehr acht geben, um meine wiederkehrenden Krisen bezüglich meiner Identität zu vermeiden.

Es schmerzt immer noch

Obwohl mir meine Gefühle ganz schön verstümmelt vor kommen, fühle ich doch ab und zu noch richtig, zumindest Schmerz. Ich war mit Polly draußen und bin mit ihr an einen Ort gelaufen, an dem ich mit ihr noch nicht war. Wir waren bei meiner Omama. Sie wohnt am Bahnhof, neben dem Brennaborhof. Da wo auch andere Leiblosen wohnen. Mein Uropa ist da auch. Ich hab mich zu ihr gesetzt und ihr Polly vorgestellt, dann fing ich an zu flennen und konnte nicht mehr aufhören. Wie jedes Mal, wenn mir bewusst wie sehr ich sie vermisse. Es ist schon fast achtzehn Jahre her und diese Jahre waren nicht gerade schön. Als sie gehen musst, zerbrach die Familie nach und nach immer mehr. Es waren echt beschissene achtzehn Jahre und all das kommt hoch, sobald ich sie vermisse. Dann sehe ich meine Schrottfamilie, in der es nie wirklich Liebe gab, in der sich jeder selbst der nächste ist und in der wohl kaum einer weiß, was Familie überhaupt bedeutet. Zeit heilt keine Wunden, man lernt nur mit dem Schmerz zu leben. Bushido weiß schon wovon er rappt. Immer wenn ich an meine herzallerliebste Omama denke, rollen mir die größten Krokodiltränen runter. Und was noch viel mehr weh tut, ist dass der Rest der Familie sie anscheinend vergessen hat, denn niemand geht sie besuchen. Nur ich. Ich bin die einzige, die mit dem Grabstein redet und rüber zu Opas Wiese geht. Wie kann ich nur in Mitten so schrecklicher Leite aufwachsen. Meine Oma ist da die einzige Ausnahme. Ich weiß nicht, wie oft ich mir als Kind gewünscht habe eine Waisenkind zu sein und keine Familie zu haben, denn das wäre auch nicht anders gewesen. Hört sich hart an, aber wenn man stets stehen gelassen wurde, dann ist man seiner Mutter weniger dankbar für sein Leben. Und mein Vater? Entweder ist es der eine oder der andere. Der eine ließ mich allein, da würde ich gerade fünf und der andere meldete sich dann als ich fünfzehn wurde. Es gibt keinen Vaterschaftstest, dafür aber Ungewissheit. Ich habe meinen Vater nie vermisst, weil ich nicht wirklich wusste, was einen Vater ausmacht, denn der eine der da war, war eher ein Spielkamerad. 

Ich bin schon wieder traurig und fühle mich so verwundbar, völlig ungeschützt und schwach. Ich will raus aus meiner Haut und ein stinknormales langweilig Leben führen. Eins das nicht kaputt ist und in dem ich nicht ständig von der einen zur anderen Person geschoben werde. Wer wundert sich da noch, dass ich Probleme habe Rollen in mein Leben neu zu besetzen!

Ka-Boom

Der Tag der Detonation ist nun schon eine Weile her, keine Ahnung wie lange. Ich hab kein gutes Zeitgefühl. Gestern bin ich zusammen gebrochen. Das war Nervemzusammenbruch 2016.1, noch bevor die Sonne den höchsten Punkt erreichte. Mir wurde bewusst, dass mein Leben nicht so läuft wie es sollte. Seitdem habe ich keine Drogen genommen. Klar ist mir klar, dass ich eine neue Psychologin brauche, aber mir ist auch klar, dass ich das Ding mit Frau Hegersdorf einfach in eine Koste geschmissen und tief verbuddelt habe. Jetzt ist die explosive Ware hoch gegangen und hat alles in die Luft gejagt. Immer noch denke ich mitten in einer Identitätskrise zu stecken. Es ist was verloren gegangen und alleine werde ich nicht rausfinden, was es ist. Zudem kommt, dass ich mit Neubesetzungen nicht klar komme. Frau Hegersdorf hatte einen festen Platz in meinem Leben und den hat sie immer noch, aber sie will die Rolle nicht mehr spielen. Sie war meine erste Psychologin und ich kann sie nicht einfach ohne Weiteres ersetzen. Da passt niemand anderes hin, denn sie spielt diese Rolle und wir sind hier nicht bei GZSZ, wo die Besetzungen willkürlich ausgewechselt werden können. Mein Leben ist keine Produktion aus Potsdam die auf RTL läuft. Das ist meine Realität und ich bin der Drehbuchautor. Bloß ich weiß nicht wie ich die Geschichte weiter schreiben soll ohne das eine Katastrophe geschieht. Die ganze Zeit habe ich er verdrängt, anstatt es zu verarbeiten und jetzt stehe ich da und komm nicht klar! Was soll ich tun? Sie anrufen? Das geht nicht, denn ich hab verpeilt meine Rechnung zu bezahlen und nun ist mein Handy gesperrt. Außerdem würde ich wohl auflegen, sobald sie abhebt. Und was will ich damit erreichen? Ich würde damit gar nicht erreichen, denn sie will mich nicht weiter behandeln, um uns beide zu schützen. Ich fühl mich so am Arsch! Ich hab nicht mal Bock auf mein geliebtes Gras! 

Was ist nur los?

Den ganzen Tag bin ich schon schläfrig, schlafe ein und komme nicht von der Couch. Mir wird schwindelig, wenn ich aufstehe und in mir macht sich dieser ich-muss-kotzen Druck breit. Jedes Mal wenn ich am Joint ziehe, wird mir leicht übel. Gestern Abend hatte ich schon Kopfweh und dachte mir ist schlecht, weil ich in der Schule zu viel Schokolade gegessen habe. Anscheinend war es nicht die Schokolade. Meine Aufenringe sahen übel aus heut früh. Was aber noch viel schlimmer als das körperliche Unbehagen ist, ist dieses Gefühl in mir. Diese Gedankenschlucht an Zweifel und Ahnungslosigkeit. Was stimmt nur nicht mit mir? Ich habe das Gefühl nicht mehr zu wissen wer ich bin, obwohl ich dachte mich schon längst gefunden zu haben. Vielleicht war das nicht das richtige Ich, sondern nur eine Facette die ich ausprobiert habe. Jetzt habe ich sie  wohl wieder abgelegt. Aber nun … was ist nun? Wer bin ich oder wer will ich sein? Was kann ich gut oder was interessiert mich eigentlich? Klar ich wäre gerne Abed aus der Serie Community, aber das wäre nicht ich, weil ich kein Plagiat sein will, aber wenn ich mich doch verloren habe, was macht mich denn noch aus? Das ist eine Krise, eine Krise die ich bereits kenne. Mir wurde wieder alles zu viel und ich bin zu unzufrieden mit mir selbst. Heute bin ich schon wieder nicht in der Schule und habe eine schlechtes Gewissen, weil ich nicht da bin. Und warum? Wegen meiner zersplitterterten Psyche und körperliche Schwäche. Ich bin untergewichtig, habe ein Problem mit Drogen und somit auch finanzielle Schwierigkeiten, aber das ist noch nicht alles, denn ich nutze mein Potenzial nicht aus. Ich könnte so viel besser in der Schule sein, wenn ich nur mal wieder lernen würde und weil ich das nicht mache, setze ich meine Zukunft aufs Spiel. Doch ist es wirklich meine Bestimmung Lehrerin oder Psychologin zu werden? Hat man überhaupt eine Bestimmung? Denn wenn man keine hätte, was für ein Sinn hätte dann das Leben? Ich stelle alles in Frage. Vielleicht sollte ich Mary weiterlesen, aber eigentlich hoffe ich einfach nur einzuschlafen, um dem ein Ende zu setzen. Zumindest solange ich schlafe. Sid ist der Meinung, dass es mir wegen dem Konsum so schlecht geht und ich glaube, dass ich das nicht einmal abstreiten kann. Er hat mir gestern kein Teil mehr organisieren können, aber das ist nicht weiter schlimm. Irgendwie hat das alles gestern auf dem Weg zur Schule angefangen. Meine Gedanken hatten eine andere Struktur als sonst und ich hab mich auf eine andere Art und Weise mit mir selbst unterhalten. Zudem hat meine Mimik sich einfach an meine Gedanken angepasst und mir war es völlig egal, was die Leute auf der Straße über meine Grimassen denken. Werde ich verrückt … oder bin ich es vielleicht schon? Ich denke, es ist allerhöchste Zeit mir eine neue Psychologin zu suchen! Letztes Jahr um diese Zeit, war ich auch schon mal in der zwölfte Klasse und habe noch mehr gefehlt. Schließlich ging ich in die Klinik, konnte mir nicht eingestehen, dass ich ein Drogenproblem habe und bildete mir ein wegen Appetitlosigkeit und Einschlafschwierigkeiten in die Klinik zu gehen, was nicht gelogen war, aber raus kam ich mit ADHS und die anderen Probleme blieben auf der Strecke. Soll sich dieses Jahr etwa alles wiederholen? Das will ich nicht. Ich dachte es geht bergauf, aber das tut es nicht. 

Morgen gibt es Zeugnisse und ich werde es ohne Traurigkeit entgegen nehmen, obwohl ich innerlich flennen werde m, wie so eine typische Streberin, die eine Drei gekriegt hat. Ich werde mich wie ein Mensch verhalten, der mit durchschnittliche Leistung zufrieden ist und sobald ich wieder alleine bin, werdenich sauer auf mich selbst, ärgere mich über mein Versagen und frage mich was eigentlich passiert ist. Dann werden mir wieder die Drogen einfallen, ich werde noch enttäuschter von mir sein heulen und mir Drogen organisieren. Sollte ich keine Drogen kriegen, mutiere ich wieder zu der Furie, die ich hasse, denn dann rege ich mich über alles auf, meckere über jeden kleinen Fehler und vergewaltige so ziemlich alles verbal, was mir nicht passt. Das Problem dabei ist, dass mir dann so ziemlich gar nichts passt. Ja, ich hab jetzt schon Bock darauf den morgigen Tag zu erleben.