Fleckchen

Polly hat heute ein Leben gerettet. Auf unseren Weihnachtsplan stand für heute Mittag bei Sids Eltern und Kuchen essen bei meiner Oma an. Unterwegs entschieden wir uns dazu, dass wir den Wall entlang zu seinen Elterln laufen und nicht wie sonst über den Marienberg. Da konnten wir Polly auch ohne Leine laufen lassen. Sie rannte hin und her, schnupperte alles ab und hat eine Maus gejagt, die unterm Egeu entlang schlich. Ein paar Meter weiter blieb sie am Wegrand stehen und schaute in die gemauerte Nische. Als wir sie erreichten, schauten wir auch dort hin, denn sie starrte nur in diese Ecke. Polly ging nicht hin, weil sie sowas noch nicht gesehen hatte und wohl nicht wusste, ob es nur ein Plüschtier oder lebendes Wesen war. Da saß tatsächlich ein Meerschweinchen! Es verkroch sich hinter ein paar Efeuranken. Ich ging vorsichtig ran, Polly folgte mir und es blieb verängstigt und regungslos sitzen. In der Nische lagen eine Menge Glasscherben von einer zertrümmerten Flasche. Das arme Ding. Sid rettete es und trug es bis zu seinen Eltern, wo zwei Omis unseren Weg kreuzten und überrascht waren über den kleinen Gefährten auf Sids Arm. Während unsere Hunde sich beschnupperten, berichteten wir von dem Findelkind. Dann setzten wir es erstmal in eine Klappbox und aßen Gans mit Klöße und Rotkohl. Sid trug es dann in einem Karton zu meiner Oma rüber und von da denn nach Hause. Jetzt habe ich auf der Schnelle erstmal eine Klappbox mit Zeitung und Zewa hergerichtet. Wasser und etwas Gemüse hat Fleckchen auch. Unser Fleckchen, so haben wir ihn oder sie benannt. Wir konnten es doch nicht einfach so zurück lassen. So ein kleines süßes Meerscheinchen hat doch kaum eine Überlebenschance hier. Vielleicht ist es weggerannt oder war ein verfehltes Weihnachtsgeschenk. Sollte Fleckchen vermisst werden, können die Besitzes ihn oder sie wieder abholen. Polly ist verrückt nach Fleckchen und will es beschnuppert, aber heute war ein stressiger Tag für ein Meerschweinchen. Es soll erstmal spüren, dass es hier in Sicherheit ist. Außerdem hat Fleckchen jetzt vielleicht eine posttraumatische Erlebnisstörung, aber scheinbar geht es einigermaßen, denn er oder sie hat schon ein wenig am Brot genagt. Wer weiß wie lange Fleckchen schon allein in der großen kalten Welt umhergeirrt ist.

Philosophisches

 Gestern Abend könnten wir kein Weed mehr organisieren, weil unsere Planung einfach beschissen ist. Wir haben sogar gestritten, wegen Nichtigkeiten, aber hätten Sid und ich wie jeden Tag gekifft, hätten wir nicht gestritten. Hätte, hätte Fahrradkette… Im Endeffekt konnte Sid noch etwas Gras schnorren, dass wir zusammen wenigstens einen Joint hatten. Als sich unser Streit gelegt hat wollte wir schlafen. Natürlich konnte Sid schlafen, aber ich nicht. Deswegen gingen mir Gedanken über Langweile durch den Kopf. Langeweile ist einer der schlimmsten Gemütszustände in meinem Leben, denn sobald ich anfange mich zu langweilen, kriege ich miese Laune und der Tag ist im Arsch! Dabei fiel mir so auf, dass mein Hirn wohl nicht freiwillig in meinem Körper ist, denn der ist schuld an Langereweile. Ja man muss den Kadaver ständig beschäftigen oder benebeln, dass er Ruhe gibt. Hätte man nur seinen Kopf mit einem Herz und perfekte Arme mit Händen aus einem 3D-Drucker, dann wäre alles viel einfacher für mich. Ich wäre zwar Lokal gebunden, müsste dafür aber auch keine überflüssigen Kommunikationen führen oder mich an andere gesellschaftliche Geschehnisse beteiligen. Dann wäre ich nur noch zum Denken da und ich glaub ich höre mich gerade an wie Sheldon… Wie auch immer. Wenn ich lieber denke, als was anderes zu tun, sollte ich vielleicht Philosoph werden, dann denke ich beruflich über den ganzen Sinn nach.

Entschuldigungszettel

Heute werde ich nicht zur Schule. Dafür gibt es mehrere Gründe, allen voran steht jedoch: ich habe keine Lust. Außerdem ist das Wetter oll, ich hab keine Lust und es ist eh der letzte Schultag vor den Ferien, kaum einer wird da sein. Wozu soll ich mir das geben. Morgen ist Weihnachtsfeier, da werde ich denn meinen Entschuldogungszettel abgeben, auf dem drauf stehen wird, dass ich Menstruationsbeschwerden hatte, auch wenn das nicht der Fall ist, aber ich kann mein Fehlen nicht mit mangelnder Lust begründen. Sonst schreibe ich immer, dass ich Kopfschmerzen hatte, obwohl ich keine Kopfschmerzen kriege. 

Der letzte Termin

Gerade hatte ich den letzten Termin bei Frau Hegersdorf. Anschließend telefonierte ich mit Stuart und sitze jetzt in der Straßenbahn. Ich war genervt von ihr, weil sie sich mehrere Male erklärt hat, was überflüssig war, denn der Termin war meiner- als auch ihrerseits der letzte. Wir haben uns voneinander verabschiedet, mit einer Umarmung, also sind wir im Gute. Auseinander gegangen. Das ist ok so. Jetzt fühle ich mich stark und auch irgendwie so, als wäre ich wieder ein Stück erwachsener geworden. Es fühlt sich für mich so an, als würde ich sie nicht mehr brauchen. Vielleicht rede ich mir das auch nur ein, aber immer hin fühle ich wieder, auch wenn es nur die alt bekannte Genervtheit ist. Es ist auch ganz egal wie viel Frau Hegersdorf kaputt gemacht hat, denn Frau Hannemann hat dafür viel mehr wieder ganz gemacht. Mein Leben geht bergauf und es fühlt sich gut an. 

Gestern habe ich geraucht, aber ich muss erst Mitte Januar clean sein und ob ich das wirklich will steht noch nicht fest. Denn warum soll ich verzweifelt nach Tabletten suchen, wenn ich doch mein ideales Heilmittel gefunden habe, das – und das ist hier der Knackpunkt – ein natürliches Produkt ist und kein Produkt der Pharmaindustrie. Die sind genau so schlimm wie die Börsenheinis. Die nächste Haltestelle ist meine.

Das Leben geht weiter

Was geschehen ist, ist geschehen und daran kann man nichts mehr ändern! Das Leben geht weiter, kaum zu glauben nach dem was passiert ist. Ich möchte gerne erzählen was geschah und trotzdem sperre ich es in mir ein und versuche kein Wort darüber zu verlieren. Der Termin bei Frau Hegersdorf verursachte körperliche und seelische Schmerzen. Ich habe mich meiner größten Angst gestellt und zum ersten Mal meine tiefsten Geheimnisse preis gegeben. Warum ich die Geheimnisse solange für mich behalten habe, hat sich gezeigt. Dennoch würde ich es nicht ungeschehen machen wollen. Immer noch fange ich öfters an unbegründet zu lachen und kann nicht mehr weinen, so sehr ich mich auch in ein fiktives Desaster reinsteigere. Ich weiß nicht was ich davon halten soll. Irgendwie läuft das Leben einfach stupide lang hin. Am Donnerstag habe ich wieder einen Termin bei ihr und ich denke, dass dies mein letzter sein wird. Ich werde ihr Leb´ wohl sagen. Ich habe sie verloren. Es ist genau das geschehen, wovor ich solche Angst hatte und Angst ist das was meine Geheimnisse nährt.

Morgen geht Stuart wieder in die Klinik und zwar auf dieselbe Station, auf der wir uns kennen lernten und Frau Hegersdorf arbeitet. Aus dem Grund habe ich ihn seit dem Termin ignoriert, aber nicht bösartig, zumindest war das nicht mein Ziel. Als er mir heute schrieb, dass er den Kontakt zu mir vermisst, habe ich ihn kurz geantwortet. Ich kann einfach ein Kontakt zu ihm haben, wenn er täglichen Umgang mit Frau Hegersdorf hat, denn ich will nicht, dass er mir was von ihr oder der Therapie erzählt, ich will einfach nichts von ihr hören. Er akzeptiert meine Entscheidung und war damit einverstanden, dass es nach seiner Klinikzeit weiter geht als zuvor. Ich habe nun den Abstand zu ihm, was wie gesagt keine persönliche Gründe hat, aber ich kenne mich und weiß, dass ich nachfragen werde. Das Risiko will ist nicht eingehen. Was ist wenn diese Gemütskatastrophe zurück kehrt? Nein, nicht nochmal!

Das Leben geht weiter. Es läuft einfach weiter und so auch ich. Das dachte Frau Hegersdorf wohl weniger, denn sie wollte mich aufgrund meiner Lage gleich in die geschlossene Anstalt einweisen, doch ich bettelte sie fast schon an, dass ich da nicht hin will. Ich will nicht eingesperrt werden und auch nicht mein Hund allein lassen. Polly und ich sind ein Herz und eine Seele. Uns beiden würde eine räumliche Trennung auf Zeit nicht gut tun. Und dann ist da noch die Schule, die ich schon einmal wegen einem Klinikaufenthalt unterbrechen musste. Es fühlt sich so an, als würde ich alles verlieren, wenn ich die Schule verliere, als bliebe mir nichts anderes. Meine gesamte Struktur baut sich um die Schule herum auf. Sie konnte es verstehen. Trotzdem musste ich sie am nächsten Morgen anrufen, sozusagen zur Kontrolle, ob ich noch atme. Natürlich kann ich verstehen, dass sie sich sorgt, aber das wirkt komisch. Es kommt mir so vor, als trägt sie eine Maske, die mir zuvor nie aufgefallen ist, weil ich dachte, dass sie authentisch ist und keine Rolle bekleidet. Und davon war ich zweifellos überzeugt. Jetzt wo ich nach und nach realisiere, was sie alles während meiner Sprachlosigkeit sagte sind Zweifel da. Vielleicht bin ich auch einfach nur durcheinander, aber eins ist klar: ich werde sie am Donnerstag zur Rede stellen. Wenn diese Szene in meinen Kopf rattert, dann sehe ich mich völlig wütend, ja ich mache sie richtig zur Sau. Und das bin ich auch, ich bin wütend. Zwar nicht wegen dem was sie mir persönlich angetan hat, aber wegen dem was sie generell getan hat, obwohl sie mich versicherte immer ehrlich gewesen zu sein. Ob sie mir doch nur was vorgespielt hat, werde ich am Donnerstag raus finden und das hoffentlich bevor ich eskaliere.

Bis zum 10. Januar muss ich clean werden und bleiben, denn da muss ich zu meinem Psychiater, der mir dann Strattera verschreiben wird. Bis dahin hat er mir schon mal Pipamperon mitgegeben. Diese Tabletten haben den gleichen Wirkstoff wie die Dippiperon, die ich in der Klink zum Einschlafen bekam. Heute früh habe ich den (vorerst) letzten Joint geraucht und hoffe, dass ich solange durchhalte. Ich will nicht aufhören zu kiffen, aber ich will meine finanzielle Lage auch wieder aufbessern. Außerdem habe ich seit zwei Wochen brutalen Druck und will Sternschnuppenstaub, auch wenn ich viel zu wenig wiege. Ich will meine Konzentration in Recherchen und Graffitis stecken. Ich will malen und schreiben! Seitdem ich angefangen habe zu ziehen, kommt es mir so vor, als könne ich meine große und weniger große Leidenschaft nicht mehr ohne Speed nachgehen. Klar, das ist nur Einstellungssache und heute konnte ich mir beweisen, dass es auch ohne geht, aber ich kann noch nicht wirklich dran glauben. Ich bin gespannt, ob die Pipamperon heute ihre Wirkung entfalten oder ob ich wieder Stunde um Stunde wach liegen werde, um von meinen Ängsten heimgesucht zu werden. Immerhin kann ich nicht mehr heulen, so schlimm kanns´ also nicht werden. Beschissen leere Hülle! Als wäre ich jemand wie jeder andere.