Wieder ein nervenaufreibender Tag

Ich hör das Ticken der Uhr, doch die Zeit will einfach nicht vergehen. Ohne Gras ist das Zeitempfinden nun mal völlig anders. Aber im Englischunterricht war es heute so, als würde der Sekundenzeiger sich nur wie ein Faultier bewegen. Dazu kommt noch, dass ich sowas von unzufrieden mit dem Unterricht bin. Am liebsten wäre ich einfach aufgestanden und gegangen, um ihm zu zeigen, wie beschissen und langweilig es ist. Als ich letztes Jahr noch Frau Ewald hatte, wollte ich nie fehlen und habe mich auch jedes Mal tierisch auf den Unterricht gefreut. 

Doch der Englischunterricht war heute nur der krönende Abschluss meines facettenreichen Tages. Alles fing mit dem Frühstück an. Sid und ich wollten frühstücken und er fragte mich, was ich denn möchte. Daraufhin bat ich um ein Käsebrötchen, worauf hin er mir sagte, er könne mir auch zwei machen. Ich sagte kurz und etwas angespannt nein, denn ich sagte ihm schon mehr als zehn Mal, dass ich lieber kleine Portionen möchte, weil es für mich deprimierend ist, wenn ich es nicht schaffe aufzuessen. Er bereitete das Frühstück in der Küche vor und ich wartete immWohnzimmer. Er kam rein und auf meinem Teller lag mein Käsebrötchen, als auch eine blöde Schüssel Müsli. Das spannte mich dann echt an. So dass ich eben meine Laune hatte. Er konnte wieder nicht verstehen, dass er nicht ganz unschuldig an der Situation war und ohne, dass ich groß was gesagt habe kam es wieder einmal zum Streit. Er bekam einen Wutanfall und rastete aus. Ich ließ einfach wieder alles über mich ergehen, wie auch in den letzten Tagen. Ich kann es ja verstehen, dass so ein Entzug mit schlechter Laune verbunden ist, aber gerade erst einen Tag zuvor habe ich ihn darum gebeten bei solchen Gesprächen ruhig zu bleiben und zivilisiert mit mir zu diskutieren, aber nein! Er bleibt lieber das unreife Kind. Als er dann zur Arbeit gegangen ist, brach ich in Tränen aus und mir wurde schlagartig klar, dass ich das keinen weiteren Tag aushalte. Ich brauche keinen Freund, der mich nicht versteht, mich nicht respektiert und ständig von seinem Recht überzeugt ist, somit auch keine Einsicht zeigen kann und alles auf mich abschiebt. Und damit nicht genug: außerdem wird mir dann noch zugeschrieben, dass ich mir alles zurecht drehe. Ich sage ja nichts, dass ich eine Vorzeigefreundin war, aber immerhin kann ich meine Fehler einsehen und gab mir alle Mühe um diese Beziehung aufrecht zu erhalten. Ich hab genügen Probleme in meinem Leben und das Größte ist mein Untergewicht. Frau Hegersdorf sagte mir am Telefon, dass ich mit meine 162 cm und 41,5 kg bereits im annorexischen Bereich bin. Das hat mich in Grund und Boden getreten. Außerdem habe ich ihre besorgte Stimme dabei gehört, was mich traurig stimmte. Es liegt nicht daran, dass ich nicht essen will oder mich zu dick fühle. Ganz und gar nicht. Mir fehlt einfach der Appetit und ich weiß nicht warum. 

Neben dem Untergewicht kommt noch mein Einschlafproblem dazu. Sid war immer der Meinung, dass ich es mir nur einrede und es an meiner Einstellung liegt, aber ich bin doch nicht blöd. Warum sollte ich mir seit knapp achtzehn Jahren damit quälen nicht einschlafen zu können? Also ganz ehrlich mein IQ ist nicht auf Zummertemperatur. Aber der Meisterpsychologe und Besserwisser, der noch nie eine Seite im Buch gelesen hat, ist so von sich selbst eingenommen und überzeugt, dass er denkt alles lösen zu können, aber das ist in meinem Leben jetzt Geschichte. Egal. Ich denke, dass es mit der unvergessenen Horrornacht in meinem sechsten oder siebten Lebensjahr zu tun hat. Ich hatte einen schlimmen Alptraum. Es war eine Szene von Feivel der Mauswanderer und zwar die in der er in der Wüste vor dem Greifvogel davonrennt, kurz bevor er erfasst wird in ein Loch fällt, wo plötzlich eine monströse Spinne hinter ihm steht. Ich war Feivel und wurde wach, als ich mit Todesangst die Spinne sah, die mehr als doppelt so groß war als ich. Erschrocken sprang ich auf und habe gehechelt, als wäre ich wirklich um mein Leben gerannt. Dann stand ich auf, um zu meiner Mutter zu gehen, doch sie war nicht da und sagte mir nicht einmal bescheid, dass sie die nacht nicht da sein würde. Diese Erlebnis hat mich wohl geprägt, aber das ist nur eine These. 

Bis ich zur Schule musste, war Sören denn noch bei mir, um mir Beistand zu leisten, was auch echt geholfen hat. Jedoch konnte ich Frau Hegersdorf nicht erreichen und auch wenn er mich vor dem absoluten Abgrund bewährt hat, stand ich die ganze Zeit an der Klippe und schon der leichteste Windstoß hätte mich runterschubsen können, doch bevor ich los musste, konnte ich sie erreichen und ihre einfühlsame, beruhigende Stimme, sowie ich sanften Worte haben mir neue Kraft gespendet. Dadurch ahne ich den Tag überstanden und hoffe nun bald einschlafen zu können.

Mit Sid ist nun nach knapp dreizehn Monaten Beziehung schluss und ich fühle mich ehrlich gesagt befreit. Sören hat es mit seinen Worten auf den Punkt gebracht: als hätte man unschuldig im Gefängnis gesessen und wurde nun endlich entlassen. Ich werde jetzt zuversichtlich in die Zukunft blicken und kann mich voll und ganz auf mich konzentrieren. Polly ist bei mir geblieben und schenkt mir zusätzliche Kraft mit ihrer Lebensfreude.

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2 Gedanken zu “Wieder ein nervenaufreibender Tag

  1. Hast Du zufällig Tabak und Gras gleichzeitig abgesetzt? Ich habe für mich den Verdacht, grade Tabakentzug macht mich extrem hibbelig und aggressiv. Ich denk dann bloß immer Kiffen würde helfen, weil das einfach besser schmeckt…

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