Guten Tag, mein Name ist Realität

Der neunte Tag ohne Gras oder anderen Drogen. Mein bester Freund Sören hat vor zwei Tagen auch aufgehört zu kiffen. Der Abend hat sehr an uns gezerrt und wir standen mehrere Male davor schwach zu werden, aber wir blieben stark. Anstattdessen haben wir getrunken, was uns nicht wirklich erfüllte. Tagsüber waren wir noch voller Euphorie und glücklich über unsere Entscheidung. Gemeinsam merken wir auch, dass wir vitalisierter sind und wieder so unternehmungsfreudig, wie vor unserer Konsumzeit. Doch Tag für Tag wird klar, warum wir doch alle kiffen: wegen der Realität. Sören fühlt sich einsam und ich bin viel zu aufgeweckt und sensibel. Meine Gedanken überschlagen sich und ich weiß nicht wo ich anfangen soll. Ich bin eine richtige Nervensäge ohne Dope, zumindest fühle ich mich so. Alle paar Stunden möchte ich Frau Hegersdorf oder Frau Hannemann anrufen und da wird mir wieder bewusst, wie anstrengend doch mein Mutter-Konflikt ist. Ich versuche nicht darüber nachzudenken, denn momentan läuft zwischen meiner Mutter und mir alles gut. Aber nicht nachdenken ist das was ich nicht kann. Den ganzen Tag schwirren Gedanken in meinem Kopf umher, die durchdacht werden wollen und am schlimmsten ist es am Abend, wenn ich schlafen möchte. Meinem Kopf ist es scheißegal wie müde ich bin. Er quält mich mit meinen Verlustängsten, Aggressionen und anderen Dingen, die nun mal so anstehen. Erst gestern hat es mir wieder den Boden unter den Füßen weggerissen, als Frau Hannemann nur einen Satz sagte: „die ganze Schule hat von deinem Drogenproblem gewusst.“ Sie brachte mich nach Hause, weil es regnete und ich berichtete freudig, dass ich nun schon über eine Woche keine Drogen mehr nehme, daraufhin sagte sie es. Ich war deprimiert und hätte am liebsten geheult, doch ich redete nicht einmal mit Sid darüber. Was halten die denn alle von mir. Mit meinen Lehrern komme ich sehr gut klar, doch nur Frau Hannemann steht mir sehr nah. Und selbst bei ihr habe ich mich eine gefühlte Ewigkeit davor geniert es zu offenbaren. Lange Zeit habe ich mir vorgenommen es ihr zu beichten, aber ich traute mich nicht und jetzt wundert es mich nicht mal mehr, dass sie nicht überrascht war, als ich endlich den Mut dazu hatte, es ihr zu erzählen. Ich hab nicht wenig Lust alles hinzuschmeißen, aber dann ist der Traum von Lehrer werden endgültig futsch. Wahrscheinlich war ich einfach zu naiv und selbsteingenommen mit dem Gedanken man würde mir nichts ansehen. Ohne THC im Blut muss man sich nun mal der kalten Welt stellen und jeden Tag damit klar kommen ohne zusammenzubrechen. Mit jeden Schritt den ich gehe, merke ich wie sehr mich das Gras geschwächt hat. Früher war ich stark und konnte die Tage überstehen, doch nun muss ich die Zähne zusammmenbeißen und wieder lernen zu gehen ohne ständig zu stolpern. Aber wenn ich mich recht erinnere, war ich auch früher nicht gerade stark, nur meine Fassade war es. Und schon wird mir wieder klar, warum wohl in mir Franz Kafkas Reinkarnation steckt. Ich kann ihn und seine Probleme voll und ganz nachvollziehen. So wie es ihm mit seinem Vater erging, ergeht es mir mit meiner Mutter; so wie ersichtlich in seinem Bau verzog, renne ich durch meinen Gang und so wie er oft nachts über seinem Tagebuch hing, hänge ich noch heut darüber. Ganz Plötzlich fühle ich mich wieder ganz wie ich, wenn ich nun mal mit mir allein bin und versuche durch diesem elendigen Sturm zu kommen. Das ist die beschissene Realität mit ADHS. Der einzige Unterschied zu damals ist, dass ich nun weiss, welche Störung ich habe. Hätte meine Mutter damals auf meine Kindergärtnerin und Grundschullehrer gehört, dann hätte ich vielleicht nicht erst mit vierundzwanzig Jahren rausgefunden, dass ich ADHS habe. 

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2 Gedanken zu “Guten Tag, mein Name ist Realität

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