Das All-In Paket

So … mit oh. Da bin ich mal wieder, hier in meiner Badewanne. Klar gehe ich regelmäßig in die Wanne oder duschen, wie auch jeder andere zivilisierte Mensch. Doch heute ist einer dieser Tage, an denen es nicht an erster Stelle ums Einseifen geht. Gestern hat mein Tag angefangen und endet heute mit einem Bad und anschließendem im-Bett-gammeln bis ich vor Erschöpfung einschlafe. Gestern Mittag gesellte sich ein altbekannter, jedoch wenig beliebter Störenfried zu uns. Im allgemeinen kennt man ihn unter dem Namen Streit und Unheil. Nachdem ich das Kartoffelwasser aufsetzte kam er aus dem Herd gekrochen und klebte wie ein lästiger Parasit an unserem Haussegen. Über zehn, fast schon elf Stunden drängte er sich zwischen dem friedlichen Beisammensein und uns. Fakt ist, dass Sid und ich uns immer wieder untergebuttert haben. Wir haben uns angeschrien, beleidigt, verachtet und uns bis zur Verzweiflung gefetzt. Es ist jedes Mal ätzender als beim vorherigen Streit. Währenddessen sind wir Macho und Furie mal zehn hoch elf und Springen miteinander um wie Fotze. Ich hasse es wenn wir uns gegenseitig nur noch angreifen und schlecht machen, weil wir irgendwie versuchen unsere Schutzmauer aufrecht zu erhalten. Das ist nicht gerade leicht wenn man unter Beschuss steht und auch noch unbedingt zurückschießen will. Rückblickend sieht das immer so aus, als würden sich zwei Babys im Krabbelgitter mit Schaumstoffzahlen vermöbeln. 
Der Nachmittag produzierte miese Laune im Überschuss und der Störenfried amüsierte sich prächtig. Wir keiften oder schwiegen uns allerdings nur an. Kurz bevor ich mich um vier Uhr auf den Weg zur Schule machen musste, schlugen wir uns noch die Köpfe ein. Dazu nutzten wir natürlich ein gut ausgestattetes Waffenarsenal. Die Auswahl erstreckt sich von Beschuldigungen und Vorwürfe bis hin zu Erniedrigungen, sowie verschiedener Beleidigungen. Sid ging daraufhin Polly Gassi und bevor er zurück war, war ich schon unterwegs zur Schule. 

Mein Schulweg geht fünf Kilometer geradeaus. Fast mittig ist ein kleiner Knick, aber ansonsten immer Richtung Osten. Nach dem Knick befindet sich Rewe, wo ich mir noch Kekse holte. Fast die Hälfte des Weges lag schon hinter mir und mein Gemüt loderte immer noch, als würde ich Es mit bezingetränkten Taschentüchern füttern. Nicht mal meine liebsten Songs konnten meine Aufmerksamkeit für sich gewinnen. Ich fühlte mich wie ein Stier, dem eine Brille mit rot-getönten Gläsern aufgesetzt wurde, als ich mich aufs Rad setzte. In meinem Kopf tobte so viel Wut und offene Warum-Fragen pisackten mich zusätzlich. Bis zu meinem Eintreffen auf den Pausenhof wurden mich noch die Enttäuschen und Verletzungen bewusst. Dabei habe ich so gehofft, dass ich es schaffe mich bis Unterrichtsbeginn zu beruhigen. Scheinbar befleckte der boshafte Störendfried meine Gedankengänge, womit mir ein Entkommen aus dem Elendsloch sehr erschwert wurde. 

Als ich später im Deutschunterricht saß, saß ich gleichzeitig in meinem Sumpf, wo ich in meiner Angepisstheit und restlichen Scheißlaune versank. Mich hat es angekotzt an meinem Fensterplatz im Deutschunterricht zu sitzen. Allerdings hätte mich so ziemlich jede Location mit diesen Emotionen angekotzt. Schon zehn Minuten nach Stundenbeginn habe ich Stunk gemacht, weil der vor mir sitzende Dario sich wirklich dumm gestellt hat. Wir sollten nur aufschreiben, warum die Protagonisten aus „Der Vorleser“ eine Beziehung führen. Nachdem er eine Hälfte erledigte, musste er bestimmt zehnmal anmerken, dass es für ihn keinen Sinn ergibt und er sich nicht erklären kann, warum Hanna in der Geschichte mit Michael ein Paar ist. Neben seinem wiederkehrenden kurzen Gelächter erwähnte er bereits einen Aspekt. Er machte immer weiter, kippelte dabei noch mit seinem Stuhl und strahlte die ultimative Unruhe aus. Mir Gingen seine Faxen gewaltig auf den Kranz, also nahm ich mich selbst an die Leine, um nicht vor meiner Fassung abhauen zu können. Die restliche Klasse wollte ihn bis dahin aufziehen und hörte somit von verschiedenen Mitschülern, dass er es alleine rausfinden soll; im humorvollem Sinne. Mir wurde das zu bunt, also redete ich Klartext mit ihm. Meine Wortwahl war streng und Tonfall, als auch Mimik äußerst mürrisch. Ich legte ihm sein bereits Erwähnten Aspekt auf den metamorphorischen Silberteller, er musste nur noch die Cloche hochheben. Er schaffte es, doch verstand es nicht. Er verstünde nicht, warum Hanna unter Anderem mit Michael zusammen ist, weil er ihr vorliest. Jedoch wusste er bereits, dass Hanna Analphabetin ist. Mein Unverständnis über seine löchrige Fähigkeit des Verstehens wuchs und es gedieh ein entsprechendes Argument. Dario wiederholte ein weiteres Mal: „Ich versteh nicht warum die mit ihm zusammen ist. Sogesehen brauch sie ihn ja nicht.“, also kommentierte ich  genervt: „Weil du keine Frau bist!“ und er drehte sich endlich wieder nach vorn, beendete das Kippeln und hörte endlich auf Unruhe zu verbreiten. 

Bis zur Pause, die wir zeitlich etwas nach hinten verschoben, weil wir drei Deutschstunden am Stück hatten, musste ich durchhalten und schaffte es einigermaßen ruhig zu bleiben. Dennoch war ich angespannt und fühlte mich mit jeder Minute unwohler. Nicht weil es die Schule ist, sondern weil ich mit solcher Laune eine Furie bin. Auf diesem Stresslevel ist niemand vor meinen fiesen Verbalattaken sicher. Anschließend schäme ich mich immer für mein unpassendes Benehmen. Ich wollte nicht riskieren mich nicht beherrschen zu können und entschloss mich in der Pause zu gehen. 

Der Pausenbeginn milderte mein Unwohlsein etwas. Bevor ich aufstand zögerte ich zweimal, dann ging ich aber zu Frau Himmel. Wir verstehen uns gut und mir war es lieber ihr meine tatsächliche Lage zu schildern, als sie nur mit einer offensichtlichen Lüge abzuspeisen. Sie kennt mich recht gut und weiß über meine Drogenverherrlichung, dem dazugehörigem Konsum und dem Zappelphilipp-Syndrom Bescheid. Sie war schon einige Male für mich und auch dieses Mal zeigte sie Verständnis und ließ mich ohne Weiteres gehen. 

Ich wollte einfach schnell nach Hause in meine sicheren vier Wände. Vorher musste ich nochmal bei Rewe anhalten, weil ich das Mal den Tabak vergaß. Auf dem Schulgelände schien noch die Sonne.   Nach ein paar Tritten ins Pedal erblickte die dunkle Front am Himmel vor mir und es juckte mich absolut gar nicht, denn sie war geschmückt mit zwei durchgehenden Regenbögen. Als ich den Rewe-Parkplatz erreichte, begann auch schon der Wolkenbruch. 

Bevor ich weiter gen Zu Hause strampelte, warte ich das Wetter noch kurz ab. Zwei beeindruckende Blitze könnte ich sehen und dazu wüteten Sturmböen, die den starken Regenerguss übers Asphalt peitschten. Ich fuhr los, als der Regen weniger wurde. Kurz hinterm Knick war ich bereits ausreichend durchnässt, aber es war mir völlig egal.

Die folgenden drei Stunden füllten sich mit Wortgefechten. Dann beruhigte sich die Lage endlich. Ich rauchte ein Joint und die innerliche Anspannung löste sich allmählich auf. Sid war noch etwas stinkig, aber nicht wegen dem Vergangenem, sondern dem Anstehenden. Ich war erleichtert, dass wir unsere Streitigkeit besänftigen konnten. Dann ging ich noch eine Runde mit Polly runter und freute mich auf meine Nacht. Mir war bewusst, dass Sid weniger erfreut darüber war, dass ich ziehen und durch machen wollte, aber ich blieb gechillt. Mit THC im Blut ist das schließlich kein Problem. Sid schlief ein und ich rauschte mit Sternschnuppenstaub durch die Nacht.

Gegen Mittag baute ich mir die letzte Bahn an, um gleich schlafen zu können. In der Wanne komme ich zur Ruhe und bereinige meine Haut vom Speedschweiß. Irgendwie hat sich das lange Bad mit Aromaöl als Abschlussritual des Sternschnuppenstaubrauschs etabliert. Das war ja mal eine sehr facettenreiche Wachphase. 

Advertisements

Schreib dein Kommentar!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s